Deutschland hat einen neuen gewählten Bundespräsidenten. Die Mitglieder der Bundesversammlung stimmten in der Wahl des Nachfolgers von Joachim Gauck mehrheitlich für den von der SPD aufgestellten Kandidaten Frank-Walter Steinmeier. Der frühere Außenminister erhielt 931 der 1.239 abgegebenen gültigen Stimmen.

Den Kandidaten der Linken, den Politikwissenschaftler und Armutsforscher Christoph Butterwegge, wählten 128 Abgeordnete – deutlich mehr, als die Partei Wahlleute in der formell 1.260 Mitglieder zählenden Versammlung hat (95). Der von der AfD in die Wahl geschickte Bewerber Albrecht Glaser erhielt 42 Stimmen und schnitt damit ebenfalls besser ab, als die AfD Stimmen in der Versammlung hat (35). Einer der Wähler der AfD, der wegen einer nationalistischen Rede im Januar heftig kritisierte Thüringer Landes- und Fraktionschef Björn Höcke, hatte sich am Vormittag krankgemeldet.

Der Bewerber der Freien Wähler, der Kemptener Fraktionschef Alexander Hold, erhielt 25 Stimmen, der Kandidat Engelbert Sonneborn, den der Satiriker Martin Sonneborn für die Piratenpartei aufgestellt hatte, 10 Stimmen.

Der neben Steinmeier sitzende SPD-Chef Gabriel gratulierte dem Gewählten als Erstes, Amtsinhaber Joachim Gauck folgte. SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann überreichte Blumen, auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) trat mit einem Blumenstrauß hinzu, die Versammlung applaudierte. Erst dann konnte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) Steinmeier fragen, ob er die Wahl annehme, was Steinmeier erwartungsgemäß bejahte.

Deutschland - Steinmeier wird neuer Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist im ersten Wahlgang zum Nachfolger von Joachim Gauck als Bundespräsident gewählt worden. In der Bundesversammlung erhielt der bisherige Bundesaußenminister eine deutliche Mehrheit von 931 Stimmen. © Foto: Sean Gallup / Getty Images

In seiner ersten Ansprache dankte Steinmeier für das Vertrauen der Mehrheit. Die Zustimmung für ihn sei eine Ermutigung auf dem Weg ins höchste Staatsamt, sagte er. Steinmeier forderte die Bundesbürger auf, Freiheit und Demokratie in einem vereinten Europa mutig zu bewahren. "Dieses Fundament, das wollen, das müssen wir miteinander verteidigen. Es ist nicht unverwundbar, aber ich bin fest davon überzeugt, es ist stark."

Bundeskanzlerin Merkel sagte, Steinmeier werde Staatsoberhaupt in "schwierigen Zeiten". Sie traue Steinmeier zu, "dass er unser Land sehr gut begleiten wird". Er habe "in schwierigen Situationen immer Fingerspitzengefühl" bewiesen. Diese Eigenschaft werde ihm auch im neuen Amt "sicher sehr gut helfen".

Lammert lobt Gauck

Zur Bundesversammlung gehören die 630 Abgeordneten des Bundestages und weitere 630 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die die Parteien in die Bundesversammlung entsandt haben. Im Plenarsaal des Bundestages saßen damit unter anderem auch Bundestrainer Joachim Löw, die Sängerin Stefanie Kloß, Springer-Miteigentümerin Friede Springer oder der Klimaforscher Mojib Latif.

Lammert hatte Gauck vor der Abstimmung gedankt. Gauck sei es "auf überzeugende Art und Weise" gelungen, sich für das Gemeinwesen einzusetzen, sagte er. Die Mitglieder der Bundesversammlung erhoben sich und applaudierten dem sichtlich gerührten Gauck. Lediglich Wahlleute der AfD und der Linken blieben sitzen, darunter der AfD-Kandidat Albrecht Glaser, wie Reporter berichteten. Lammert setzte nach dem Applaus sein Lob fort: Gauck habe das "solidarische Miteinander am Herzen" gelegen und er habe die Gesellschaft auch "immer wieder nachdrücklich in die Pflicht genommen". Der Bundespräsident habe dazu aufgerufen, "sich nicht verängstigen oder spalten zu lassen" – auch nicht in den Zeiten der Terrorgefahr.

Lammert nutzte seine Rede auch für eine eindringliche Warnung an US-Präsident Donald Trump, die internationalen Beziehungen nicht zu gefährden. "Wer Abschottung anstelle von Weltoffenheit fordert und sich sprichwörtlich einmauert", wer ein "Wir zuerst" zum Programm erkläre, dürfe sich nicht wundern, wenn es ihm andere gleichtäten – "mit allen fatalen Nebenwirkungen für die internationalen Beziehungen", sagte Lammert, ohne Trump beim Namen zu nennen. In einer spontanen Reaktion erhob sich ein Großteil der Anwesenden erneut und applaudierte Lammert stehend, darunter auch Kanzlerin Merkel.

Steinmeier soll Mitte März das Amt von Gauck übernehmen.