Frage: Frau Roßbach, die SPD und ihr Kanzlerkandidat Martin Schulz ziehen mit dem Slogan "Mehr Gerechtigkeit" in die Bundestagswahl. Wie gerecht ist die gesetzliche Rente, wie gerecht kann sie sein?

Gundula Roßbach: In der Rentenversicherung geht es darum, die Lasten zwischen den Generationen auszutarieren und auf die Schultern aller Beteiligten zu verteilen. Das setzt aber voraus, dass das System immer wieder angepasst wird. Die Jahrhundertreform, die alle Probleme löst, kann es nicht geben. Schließlich verändern sich auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ständig, etwa durch Zuwanderung oder durch andere Geburtenraten...

Frage: Dennoch: Würden Sie von einem gerechten System sprechen?

Roßbach: Das Grundprinzip der Rentenversicherung ist: Wer mehr eingezahlt hat, bekommt auch mehr als Rente heraus. Daneben gibt es in der Rentenversicherung einen sozialen Ausgleich, bei dem auch Zeiten gut geschrieben werden, ohne dass eigene Beiträge gezahlt wurden, beispielsweise bei Kindererziehung. Das halte ich für richtig und sozial gerecht.

Frage: Ist es denn in Ordnung, wenn jemand, der sein Leben lang gearbeitet hat, im Alter auf Sozialhilfe angewiesen ist?

Roßbach: Der Standardrentner, mit dem wir kalkulieren, zahlt als Arbeitnehmer 45 Jahre lang Beiträge von einem Durchschnittsverdienst. Damit landet er heute deutlich über der Grundsicherung. Aber natürlich muss man auch fragen: Soll jemand, der sein Leben lang Teilzeit gearbeitet hat, genauso behandelt werden, wie jemand, der Vollzeit beschäftigt war? Wer dauerhaft nur wenige Stunden in der Woche arbeitet, für den wird es schwierig, davon eine eigene auskömmliche Rente zu erhalten.

Frage: Das Rentenniveau, also das Verhältnis zwischen Standardrente und Erwerbstätigen- Einkommen sinkt. Ab wann würden Sie denn sagen: Bis dahin und nicht weiter?

Roßbach: 43 Prozent stehen als Untergrenze für das Rentenniveau im Gesetz, teilweise wird auch ein höheres Rentenniveau gefordert. Ich finde es wichtig, dass es zu diesen zentralen Fragen einen möglichst breiten Konsens bei den politischen Parteien und gesellschaftlichen Gruppen gibt. Nur dann kann eine Rentenreform langfristig tragfähig sein. Ich könnte mir vorstellen, dass in der nächsten Legislaturperiode eine Rentenkommission eingesetzt wird, die Vorschläge für die zentralen Fragen einer Rentenreform erarbeitet.

Frage: Sozialministerin Andrea Nahles zieht die Untergrenze bis zum Jahr 2045 bei einem 46 Prozent. Ist das realistisch?

Roßbach: Ich würde davon abraten, allein aufs Rentenniveau zu schauen. Man muss immer auch die Rentenbeiträge im Blick haben. Klar ist: Wenn man das Rentenniveau stabilisieren will, braucht man zusätzliche Einnahmen. Das kann man über steigende Beiträge finanzieren. Frau Nahles schlägt zusätzlich weitere Mittel aus dem Bundeshaushalt vor. Das wäre aus meiner Sicht dringend notwendig, um die Finanzierung des Vorschlags sicherzustellen.

Frage: Hilft ein höheres Rentenniveau gegen das wachsende Problem der Altersarmut?

Roßbach: Wer nur eine sehr geringe Rente bekommt, bei dem wird auch bei einem höheren Rentenniveau die Rente in aller Regel nicht über der Grundsicherung liegen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang aber: Die meisten haben neben ihrer Rente noch zusätzliches Einkommen. Armut kann man nur anhand des Gesamteinkommens des Haushalts beurteilen.