Zumindest in einem Aspekt ist der Rückzug der USA aus der Weltpolitik nicht zu befürchten: Für Vizepräsident Mike Pence ist Frieden allein durch Stärke zu erreichen – "durch unsere militärische Macht", betont er in seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Die amerikanische Führerschaft der freien Welt werde nicht wanken. Wenn er sagt: "Die Vereinigten Staaten werden stark sein, stärker als jemals zuvor" – dann in einem Atemzug mit "signifikanten Erhöhungen der militärischen Ausgaben".

Es ist ein Blick auf die Welt, der von Feinden geprägt ist. Freunde gibt es darin auch: jene, die Seite an Seite "für unsere Art zu leben" kämpfen und sterben. Und "die USA wollen eine Freundschaft mit Europa und mit allen Nationen, die geblutet haben für unser Bündnis". Über Diplomatie, internationale Institutionen und gemeinsame politische Anstrengungen verliert Pence allerdings kaum ein Wort.

Das passt viel eher zu Donald Trumps Parole "Amerika zuerst", als dass es eine Beruhigung für die Verbündeten wäre. Pence bekräftigt – ausdrücklich im Namen des Präsidenten, damit das klar ist – den Beistand innerhalb der Nato als unerschütterlich und verspricht: "Wir werden an der Seite Europas stehen, heute und jeden Tag." Und er beschwört auch die Verbundenheit mit Europa "durch dieselben hohen Ideale: Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit". Das alles steht jedoch im Kontrast zu Trumps jüngstem Angriff auf genau diese Ideale: Dass der Präsident eine Reihe führender Medien als "Feinde des Volkes" bezeichnet hatte, klingt hier noch allen in den Ohren. Ebenso wie die Schmähung "sogenannter Richter" und all das andere wirre Zeug, das er je nach Erregungszustand in die Welt entlässt.

Erwartungen an Europa

Aber die Stellen, an denen sich Pence in seiner Rede auf gemeinsame Werte bezieht, sind auch rar gesät. Grob ist die eine Hälfte das sehr klare Bekenntnis: Wir kämpfen für euch, wir schützen euch. Und die andere Hälfte lässt keinen Zweifel an der Forderung: "Die Zeit ist gekommen, mehr zu tun" – für die Europäer, wohlgemerkt. Der Präsident erwarte, dass sie ihre Verpflichtungen erfüllten.

Die außenpolitischen Prioritäten umreißt Trumps Vize dabei nur in dürftigen Stichworten: In Bezug auf die Ukraine müsse Russland zur Rechenschaft gezogen werden, der Iran dürfe niemals die Atombombe bauen können, das "größte Übel von allen" sei die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Es geht nur um das, was zerstört werden muss, nicht darum, etwas aufzubauen: "Die USA werden unermüdlich kämpfen, um diese Feinde dem Müllhaufen der Geschichte zu übergeben, wo sie hingehören", sagt Pence. Wer von ihm in München erwartet hatte, tieferen Einblick in die Strategie der Trump-Regierung zu erlangen, wurde bitter enttäuscht. Oder in seinen Befürchtungen bestätigt.

Ganz anders sieht die Welt für die deutsche Bundeskanzlerin aus. Angela Merkel spricht direkt vor Pence von der "Notwendigkeit internationaler multilateraler Strukturen, die wir stärken müssen". Und sie meint nicht zuallererst die Nato, deren Bedeutung "auf sehr traurige Weise an Wichtigkeit gewonnen" habe durch die russische Annexion der Krim und die "Auseinandersetzungen im Osten der Ukraine, bei denen ja Russland die Separatisten unterstützt". Weil damit d a s Prinzip verletzt worden sei, das nach dem Zweiten Weltkrieg Sicherheit und Frieden gebracht habe: die territoriale Integrität der Staaten.

Merkel bezieht sich auf einen umfassenden Sicherheitsbegriff, "der weit mehr ist als die Verteidigung". Anders als Pence hebt sie die Bedeutung insbesondere der Vereinten Nationen hervor, ebenso der EU und der G20. Und sie fokussiert sich auf den Gedanken der Prävention und der Entwicklungszusammenarbeit, auch um Fluchtursachen zu reduzieren: "Wir Deutschen, das haben wir ja durch die Flüchtlinge gesehen, haben immer ein Interesse daran, dass Menschen anderswo vernünftig, gut leben können."

Die Kanzlerin hat erkannt: "Die Welt hat sich radikal verändert. Wir haben keine feststehende Ordnung." Und sie nimmt auch die Bedrohungen zur Kenntnis, die Pence so düster beschreibt. Merkel macht sich keine Illusionen, was deren Bekämpfung und die eigenen Fähigkeiten betrifft: "Wir brauchen die militärische Kraft der Vereinigten Staaten von Amerika." Man dürfe sich jedoch jetzt nicht in "kleinliche Diskussionen" um Verteidigungsausgaben verlieren. Die internationale Gemeinschaft ist für sie zugleich größer als der Westen, wenn sie es genauso wichtig nennt, dass auch muslimische Staaten an der Koalition gegen den IS beteiligt seien – und dass "nicht der Islam die Ursache des Terrors" sei.

Beide, Pence und Merkel, werben an diesem Tag in München für Stärke. Doch während der Amerikaner nur eine Dimension zu kennen scheint, ist das Verständnis der Kanzlerin weitaus differenzierter. Es bleibt am Ende auch völlig unklar, ob die Vereinigten Staaten mit "gemeinsam Handeln" auch meinen, mit anderen zusammen zu entscheiden und politische Schritte zu entwickeln. Wenn es nur darum geht, dass die Kosten besser verteilt werden und sich die Europäer eher allein um Aufgaben kümmern sollen, die den USA nicht wichtig genug sind, dann ist Merkels Hoffnung schon jetzt nur Wunschdenken: "Lassen Sie uns gemeinsam die Welt besser machen, dann wird es auch für jeden Einzelnen von uns besser."