Martin Schulz begeistert die Massen. Nicht nur die Demoskopen fragen sich gerade verwundert, warum der SPD-Kanzlerkandidat so erfolgreich ist. Erste Befunde deuten darauf hin, dass Schulz in den Umfragen Nichtwähler zurückholt. Vielleicht ist Deutschland auch einfach Merkel-müde. Aber das kann das Schulz-Phänomen nicht vollends erklären.

Meine These ist, dass Martin Schulz vor allem bei den Arbeitern und "kleinen Leuten" gut ankommt.

Viele von ihnen tendierten zuletzt zu den Rechtspopulisten – übrigens in fast allen westlichen Demokratien. Arbeiter oder die "Unterschicht", ein abfälliges Wort, haben sich in den vergangenen Jahren von den moderaten linken Parteien abgewandt. Der Grund liegt auch in einem Kulturwandel der moderaten Linken: Sie betrieb zuletzt vorrangig Antidiskriminierungspolitik, erlag der Vielfaltseuphorie, mahnte politisch korrekte Sprache an. Das war zuletzt die scheinbar einzige progressive Agenda – der sich im Übrigen moderate Konservative und viele Liberale nahtlos anschlossen.

Die soziale Frage wurde lange vernachlässigt

Die soziale Frage hingegen hatte die Sozialdemokratie eher ausgeblendet. Vielmehr noch hat sie in den 1990er und 2000er Jahren eine Wende zu einem Kurs der "neuen Mitte" unternommen. Sie unterlegte ihn mit Steuersenkungen für Reiche und Deregulierungen aller Art. Viele frühere Anhänger der SPD hat das enttäuscht. Sie wandten sich ab oder der neuen Linkspartei zu. Oder wurden zu Nichtwählern. Zuletzt wählten viele eben die Rechtspopulisten.

Die Linke hat also zur heutigen Hegemonie des Neoliberalismus beigetragen. Sie hat die soziale Frage vernachlässigt und den Eindruck vermittelt, dass sie nur noch Kulturkampf macht. Viele Arbeiter und manche der "kleinen Leute" fühlten sich daraufhin unverstanden.

Die "Abgehängten" – noch so ein abfälliges Wort – suchten sich jenseits der alten Linken, wie der SPD, neue systemkritische Kräfte. Und das sind in vielen westlichen Ländern heute die Rechtspopulisten. Manche rechtspopulistischen Parteien, wie der Front National in Frankreich, sind bereits zu Vorkämpfern der Arbeiterklasse und der "Abgehängten" avanciert. Links und Rechts sind hier keine Kategorien mehr. Das Volk, laut Front National die gutmütigen, aber zugleich gedemütigte kleine Leute, wird als homogene, wütende Masse konstruiert und gegen die globale "Elite" in einen neuen Klassenkonflikt geführt: Die Verlierer gegen die Gewinner der Globalisierung. Protektionismus und Re-Nationalisierung sollen die Verlierer retten – Donald Trump macht es mit seinem "America First" genauso. 

Es war falsch, dass die Gewinner der Globalisierung nur noch Toleranz und Weltoffenheit gepredigt haben und alles andere darüber vergaßen. Einigen kosmopolitischen Linken  – die mittlerweile auch in einem ökonomischen Sinn neoliberal denkende Menschen sind – ging und geht es dabei oft einfach nur darum, ihr eigenes Gewissen zu beruhigen. Wer auf seiner eigenen Facebookseite für Toleranz und Vielfalt wirbt, sei ja schließlich für das Gute – so die Denke. Damit sei die eigene moralische Pflicht aber auch erledigt. Das war aber nicht links, sondern linker Moralkonservatismus: Die ökonomischen Verhältnisse sollten bitte so bleiben, wie sie sind.

Martin Schulz hat die Überheblichkeit verstanden

In der Frage der Zuwanderung konnten sich die gut verdienenden neuen Linken und "Grünen", die in Fragen der Steuer- und Sozialpolitik oft eigentlich auch nicht mehr links sind, ebenfalls entspannt zurücklehnen: Flüchtlinge waren nie eine (vermeintliche) Konkurrenz für sie, anders als bei Menschen, die im Niedriglohnsektor arbeiten. Jeder aber, der die multikulturelle Vielfaltseuphorie der kosmopolitischen Klasse nicht teilte, wurde misstrauisch beäugt, wenn nicht sogar ausgegrenzt. Manchen Arbeitern wurde zu verstehen gegeben, dass man sie für irgendwie zurückgeblieben und ewig gestrig hält, weil sie sich nicht sofort euphorisch über die Neuen im Land freuten. Diese Überheblichkeit schaffte eine Trotzreaktion.

Martin Schulz hat diese Überheblichkeit der kosmopolitischen Klasse verstanden. Er, der aus der Kleinstadt Würselen kommt und immer noch da lebt, ist ein Klartext-Mann. Außerdem zeigt Schulz, dass auch jemand ohne Abitur, sogar mit zeitweiligen Alkoholproblemen, ein kluger Mann sein kann. Man muss keinen Doktortitel haben, um die Gesellschaft voranbringen zu können.

Es gibt eben nicht nur Hipster mit MacBook

Damit bricht Schulz etwas auf, was vielen Arbeitern in den letzten Jahren sauer aufstieß. Man hat ihnen nämlich suggeriert, dass nur noch Akademiker etwas wert sind, die feine Manieren, ein wohlgefeiltes kosmopolitisches Auftreten und gute Studienabschlüsse haben. Man hat ihnen auch gesagt: Die New Economy und die Start-ups seien die Zukunft. Bald werde es nur noch digitale Kreativarbeiter geben. Überall Hipster mit MacBook. Man hat den Arbeitern so zu verstehen gegeben, dass man vor allem Politik für hippe Akademiker – vorrangig aus Großstädten – macht.

Auch die Rolle der Industrie wurde kleingeredet und so das Schaffen der Industriearbeiter gleich mit. Schulz gibt den Arbeitern nun wieder ihren Stolz zurück: Erst mal nur rein sprachlich und durch seine Person: Nur indem er ist, wer und wie er ist, und indem er sagt, er will Politik für die hart arbeitende Mitte der Gesellschaft machen. Das erklärt ein bisschen den momentanen Hype um ihn. Schulz ist so etwas wie ein neuer August Bebel, eine Art neuer Arbeiterkaiser.

Was sollte er nun politisch tun, um der Arbeiterschaft und der "Unterschicht" auch ein Programm zu bieten?

Mehr Industriepolitik, mehr Arbeitskampf

Die erste Antwort wird überraschen: Er sollte eine erneuerte Partnerschaft zwischen Gewerkschaften, Staat und Arbeitgebern schaffen. Schulz könnte und sollte die Konzertierte Aktion aus den 1970er Jahren wieder aufleben lassen. Wir brauchen endlich wieder eine Wirtschaftspolitik, die sich als Industriepolitik versteht. Deutschland soll sich stärker industrialisieren.

Und wir brauchen mehr Sozialpartnerschaft – auch mit Einbindung der Politik. Die Sozialpartnerschaft sollte vor allem die viel zu geringe Tarifbindung und die zu vielen Leiharbeitsverhältnisse hartnäckig angehen. Nur so kann sie beweisen, dass sie noch erfolgreich und bedeutend für dieses Land ist.

Neue Bündnisse für gute Arbeit und Industrie sind aber nur die eine Seite dessen, was Deutschland jetzt braucht. Es braucht auch ein dediziert auf Gerechtigkeit zielendes Programm der SPD: Höhere Erbschaftssteuer, höhere Reichensteuer, ein höherer Mindestlohn, ein Infrastrukturprogramm für Schulen, Straßen, Brücken und Digitalisierung, Maximallöhne für Manager und Begrenzung von Managerboni, eine Reform des Arbeitslosengeldes 1 für eine längere Anspruchsberechtigung.

Die gesamte Linke muss eine neue Grundsatzvereinbarung über die Verteilung des Wohlstandes erstreiten und das Versprechen der Aufstiegsgesellschaft radikal erneuern. Das bedeutet nicht, dass die kulturellen Errungenschaften der Linken – die Emanzipation, die Toleranz und der Internationalismus – überwunden werden sollen. Aber damit sie bestehen bleiben, sollte die soziale Frage wieder deutlicher gestellt werden. Die Linke sollte zwar nicht von einem neuen Sozialismus träumen, aber doch mindestens wieder Kapitalismuskritik betreiben. Sie sollte wieder unbequem werden. Die Zeit der Bravheit sollte vorbei sein. Vorwärts, Genossen!