In einer kargen, grauen Halle in Bielefeld steht an diesem Montagmorgen Kurt Kallert und freut sich darauf, entschädigt zu werden. Kallert ist ein Mann von Mitte 60, dunkelblauer Seemannspulli, gleichfarbige Steppweste darüber, Mitglied der "AG60+" des SPD-Ortsverbandes Osnabrück. Vor allem aber ist Kallert ein Beispiel dafür, was gerade in der SPD passiert.

30 Jahre lang war er Tischlermeister und Abteilungsleiter in der norddeutschen Möbelindustrie. Ein stolzer Handwerker. Mit Mitte 50 wurde Kallert arbeitslos, fand nichts Neues. Mit dem Arbeitslosengeld war auch bald Schluss, daran waren die Reformen der Regierung Schröder Schuld. Die Raten für das Haus drückten, Kallert drohte Hartz IV. "Der Schröder hat mich nicht bedacht", sagt der Sozialdemokrat und lacht.

Seitdem ist etwas zerrissen zwischen ihm und seiner Partei. Trotz 51 Jahren Mitgliedschaft.

Diesen Riss könnte nun einer kitten. Wenn er es richtig anstellt sogar nicht nur bei Kallert, sondern bei so vielen anderen: Martin Schulz, Kanzlerkandidat der SPD. Der Mann, der so viel wiedergutmachen soll.

Schulz hatte schon am Morgen damit angefangen. Da wurde ein Interview veröffentlicht, in dem der SPD-Kandidat ankündigt, dass er Schröders Sozialreformen, die Agenda 2010, korrigieren will, die ewige Wunde der SPD-Basis. Und dass er sich dafür einsetzen will, dass ältere Arbeitslose ihren Lebensstandard halten können – und nicht schnell aufs Hartz-IV-Niveau fallen. "Die Glaubwürdigkeit ist zurück", sagt Kallert zufrieden.

Schubkarren auf der Bühne

Auf der Bühne in Bielefeld haben sie diesmal experimentiert und das übliche Rednerpult ergänzt. Auf einem Regal stehen ein Putzwagen mit gelben Hygienehandschuhen, eine Leuchtweste und ein Schubkarren, wie ihn die Straßenarbeiter haben. Die unübersehbare Botschaft: Hier wird harte Arbeit noch wertgeschätzt.

Als der Kanzlerkandidat den Raum betritt, erheben sich die Gewerkschafter und Betriebsräte sowie die Genossen. Schulz spricht über die gestressten jungen Eltern, die wegen der Digitalisierung nie Feierabend haben, über die Ewig-Befristeten Anfang 30, denen er sichere Jobs verschaffen will, eine Solidarrente für das Alter – aber auch von älteren Arbeitnehmern wie Kallert. "Menschen müssen mit Anstand und Respekt behandelt werden, wenn sie ihre Arbeitsplätze verlieren", sagt Schulz. Es könne nicht sein, dass sie nach vielen Jahren im Betrieb und 15 Monaten Arbeitslosigkeit schon Existenzsorgen haben müssten. Die SPD habe "Fehler erkannt", sagt Schulz. Er nennt die Agenda 2010 nicht, aber sie ist gemeint. 

Nahles soll ein Konzept erarbeiten

Wenn es um konkrete Änderungen an den Regelungen geht, bleibt Schulz aber noch ungenau. Er bestätigt nicht, ob er die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes verlängern will, wie die Bild-Zeitung berichtet hatte. Der Parteivize Thorsten Schäfer-Gümbel sagte dazu in Bielefeld, er wünsche sich eine solche Verlängerung vor allem für ältere und jüngere Arbeitnehmer. Nun soll erst mal Arbeitsministerin Andrea Nahles ein Konzept erarbeiten.

Dass es noch kein Konzept gibt, das zu Schulz' Ankündigungen passt, zeigt, dass seine Abkehr von der Agenda 2010 für die SPD tatsächlich neu ist.