Die Agenda 2010 bereitet der SPD bis heute heftige Phantomschmerzen. Die nun schon anderthalb Jahrzehnte alten Arbeitsmarktreformen ihres Altkanzlers Gerhard Schröder haben Deutschland damals aus der wirtschaftlichen Lethargie geholt, die Arbeitslosigkeit drastisch verringert und die Grundlage für den heutigen, anhaltenden Boom gelegt. Aber um einen bitteren Preis, der die meisten Sozialdemokraten daran hindert, auf diese Erfolge stolz zu sein: Viele Beschäftigte arbeiten heute unter prekären Bedingungen und zu niedrigen Löhnen, vor allem aber ist die Angst groß bis hinein in die Mittelschicht, beim Verlust des Arbeitsplatzes wegen der Verkürzung des Arbeitslosengeldes I schnell auf Hartz IV abzustürzen und damit auf das Existenzminimum.

Das alles hatte die SPD zu einer 20-Prozent-Kraft abstürzen lassen und ihr den Nimbus geraubt, die Vertretung der kleinen Leute zu sein, auch wenn sie zusammen mit CDU/CSU schon einige Korrekturen an der Agenda 2010 vorgenommen hat, zuletzt durch die Einführung des Mindestlohns. Das wirkte aber nicht. Für viele ihrer früheren Wähler, die sich von ihr enttäuscht abgewandt haben, blieb sie dennoch eine Partei der sozialen Kälte. Bis Martin Schulz kam.

Wenn sein wundersamer Aufstieg in den Umfragen nicht eine Luftblase bleiben soll, muss Schulz an die Agenda ran, und er will es auch – selbst wenn Union und Arbeitgeber das als rückwärtsgewandt geißeln. Sein Versprechen, die SPD wieder zur Partei der sozialen Gerechtigkeit zu machen, und sein Ziel, Kanzler zu werden, kann er nur erreichen, wenn er die alte Wunde zumindest symbolisch heilt. Und damit frühere SPD-Wähler von der Linken, der AfD und aus dem Nichtwählersektor zurückholt.

Es ist deshalb kein Zufall, dass der erste konkrete Punkt seines Wahlprogramms auf die Agenda zielt. Der künftige SPD-Chef hat Arbeitsministerin Andrea Nahles dafür ein kluges Konzept entwickeln lassen: Das Arbeitslosengeld I soll nicht einfach wieder verlängert werden, sondern nur unter der Bedingung, dass der Arbeitslose an einer Qualifizierungsmaßnahme teilnimmt. Dann gibt es ein neues, zusätzliches Arbeitslosengeld mit dem hübschen Namen Q. Mehr noch: Die Bundesagentur für Arbeit, die künftig den Zusatz "und für Qualifizierung" tragen soll, um ihre neue Aufgabe zu unterstreichen, muss dem Joblosen nach drei Monaten eine Weiterbildung anbieten.

Schulz und die SPD entgehen damit dem Vorwurf, Schröders ungeliebte Reformen lediglich rückabwickeln zu wollen. Qualifizierung ist in der heutigen digitalisierten Wirtschaft wichtiger denn je. Sie kann Arbeitslosen helfen, einen neuen Job zu finden, sie entspricht dem Agenda-Motto "Fördern und Fordern". Sie ist, wenn man so will, sogar eine Weiterentwicklung. Denn das Jobcenter muss für den Arbeitslosen einen passenden Schulungskurs suchen, und er bekommt nur zusätzlich Geld, wenn er daran teilnimmt. Und die, die den sozialen Absturz fürchten, obwohl sie womöglich einen ziemlich sicheren Arbeitsplatz haben, bekommen die Beruhigung, dass sie das Arbeitslosengeld im Fall der Fälle künftig bis zu vier Jahre lang erhalten sollen, bevor Hartz IV droht – Weiterbildung inklusive.

Genau da liegt aber ein Haken des vom SPD-Vorstand einstimmig abgesegneten Reform-Reformplans: Der Bezug des Arbeitslosengeldes wurde im Rahmen der Agenda 2010 bewusst auf in der Regel zwölf Monate verkürzt, damit der Druck auf die Erwerbslosen steigt, sich rasch eine neue Stelle zu suchen, auch unterhalb der bisherigen Qualifikation, und sich nicht in der Arbeitslosigkeit einzurichten. Denn je länger jemand arbeitslos ist, das zeigt die Erfahrung, desto schwerer findet er wieder Arbeit.