Jörg Haamann steht mal wieder in der schmucklosen Mehrzweckhalle am Rande des Städtchens Demmin in Mecklenburg-Vorpommern. Normalerweise finden hier Hundeschauen statt oder Abibälle. Aber einmal im Jahr sind die Bierbänke orangefarben eingedeckt. Es wird Bier ausgeschenkt, eine Blaskapelle spielt Wo de Ostseewellen trecken an den Strand, und es wird vorsichtig geschunkelt. Dann ist politischer Aschermittwoch bei der CDU.

Für Haamann ist es bereits das 20. Mal, dass er an dieser Veranstaltung teilnimmt. Nur, wenn er ehrlich ist, dann wäre der 62-jährige Fotograf jetzt lieber in Passau. Dort, wo die CSU auch diesmal wieder 4.100 Gäste ins Bierzelt gelockt hat und wo man die Kunst des polemischen Draufhauens seit Jahrzehnten beherrscht. Hier im Norden sind es nur 1.200 Teilnehmer, alles fällt ein bisschen kleiner und sehr viel nüchterner aus. Das Bier fließt spärlicher und als Hauptrednerin hat man hier eben keinen Horst Seehofer, sondern eine Angela Merkel, zu der dieses Format einfach nicht so recht passen will.

Für Merkel ist es auch schon das 19. Mal, dass sie hier am Aschermittwoch auf einer Bühne steht. Links von ihr die Barther Blasmusikkappelle, über ihr zwei Masken mit der Überschrift "Zeit für deutliche Worte". Polemische Bonmots sind von ihren bisherigen Reden allerdings nicht in Erinnerung geblieben. Eher schon die Tatsache, dass ein unvorsichtiger Kellner ihr hier einmal eineinhalb Liter eiskaltes Bier in den Nacken goss. Merkel nahm es, wen wundert's, stoisch.

Diesmal erwarten sie mehr von Merkel. In sieben Monaten wird ein neuer Bundestag gewählt, und erstmals seit Langem scheint plötzlich nicht mehr so sicher, dass die Wahlsiegerin am Ende wieder Merkel heißen wird. Seit die SPD Martin Schulz nominiert hat, hat sich der Abstand zwischen Union und SPD auf wenige Prozentpunkte reduziert, in gleich vier Umfragen lag die SPD zuletzt sogar vor der Union. Und nicht nur das: Mit seiner Ankündigung, zentrale Elemente der Agenda 2010 zu korrigieren, hat Schulz es in den wenigen Wochen seiner Kandidatur sogar geschafft, dem Wahlkampf eine eigene inhaltliche Prägung zu geben. Statt über Flüchtlingskrise und innere Sicherheit wird plötzlich wieder über soziale Gerechtigkeit diskutiert. Und die Union? Wirkt irgendwie ziemlich überrumpelt.

Merkel soll auf Angriff schalten

Wie nervös das die siegesgewohnten Konservativen macht, ließ sich zuletzt an vielen Äußerungen ablesen. Gleich mehrere Parteifreunde forderten Merkel in den vergangenen Tagen öffentlich auf, endlich auf Angriff zu schalten, in die Offensive zu gehen, doch bitte etwas plakativer aufzutreten oder – wie es der bayerische Finanzminister und Aspirant auf die Seehofer-Nachfolge, Markus Söder, ausdrückte – "zusätzliche Motivationsarbeit" für die Basis zu leisten.

Am Vormittag in Passau haben Seehofer und Co. vorgemacht, was sie unter einer echten Aschermittwochsrede verstehen. Dort hat Seehofer die Grünen als Sicherheitsrisiko beschimpft und Schulz als "Martin den Schummler" gegeißelt. Sein Generalsekretär nannte ihn gar einen "Schwafel- oder Schizo-Schulz".

Als Merkel am Abend schließlich ihre Blätter zusammenrafft, um unter Tusch und Applaus ans Rednerpult zu schreiten, weiß sie wohl, dass dies heute kein normaler Aschermittwoch ist, dass es nicht nur die unmittelbaren Zuhörer, sondern vielmehr die gesamte Union interessiert, was sie hier zu sagen hat, und vor allem: wie sie es sagt.