Wer als Flüchtling nach Europa kommt, hat nicht nur je nach EU-Land unterschiedlich große Chancen auf Asyl. Auch innerhalb Deutschlands variieren die Anerkennungsquoten erheblich, wie eine Studie der Universität Konstanz zeigt. Ob ein Asylantrag erfolgreich ist, hängt demnach nicht nur von den individuellen Fluchtgründen ab, sondern auch vom Ort, an dem der Antrag gestellt wurde.

Die Studienautoren Lisa Riedel und Gerald Schneider sprechen von einer "Asyllotterie". In ihrer Untersuchung, die in der Politischen Vierteljahresschrift erscheint, stellen sie erhebliche Unterschiede in den Anerkennungsquoten von Flüchtlingen zwischen den deutschen Bundesländer fest – trotz eigentlich einheitlicher Regeln. Die Mitarbeiter des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) nähmen in ihren Asyl-Entscheidungen auf "wahrgenommene Befindlichkeiten" des Bundeslandes Rücksicht, in dem ihr jeweiliges Entscheidungszentrum angesiedelt ist, argumentieren Riedel und Schneider.

Für ihren Beitrag verglichen Riedel und Schneider Daten der Jahre 2010 bis 2015. In diesem Zeitraum wurden laut Studie im Saarland und in Bremen die meisten Flüchtlinge anerkannt, in Sachsen und Berlin die wenigsten. Die Differenz sei während der Jahre grundsätzlich erhalten geblieben, während die Anerkennungsquote bundesweit stark anstieg. 

So unterscheiden sich die Asylquoten in Europa

Prozentualer Anteil der positiven Asylbescheide für Menschen aus den aufgeführten Herkunftsländern im Jahr 2015. Dazu die Gesamtzahl der Asylgewährungen der europäischen Staaten für diese Länder.

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Die Unterschiede lassen sich der Untersuchung zufolge nicht auf verschiedene Herkunftsländer der Asylbewerber zurückführen. Denn selbst bei gleichem Herkunftsland hätten viele Flüchtlinge je nach Bundesland unterschiedlich große Chancen: In Niedersachsen seien beispielsweise drei von vier Asylanträgen aus dem Irak anerkannt worden, in Sachsen-Anhalt jedoch nur 37,5 Prozent. Ähnlich die Zahlen bei Afghanen: In Nordrhein-Westfalen seien 34,4 Prozent der Gesuche positiv beschieden worden, in Brandenburg nur jedes zehnte. Nur Syrer sollen in allen Bundesländern relativ ausgeglichene Chancen haben.

Fremdenfeindlichkeit hat einen Einfluss

Doch woher kommen die unterschiedlichen Anerkennungsquoten? Den Autoren zufolge werden die Bamf-Mitarbeiter von bestimmten sozioökonomischen Faktoren im jeweiligen Bundesland beeinflusst. Eine ihrer Thesen: Je stärker die rechtsextreme Stimmung in einem Bundesland, desto weniger Flüchtlinge werden anerkannt. So fanden die Forscher heraus, dass die Anerkennungsquote in einem Land sank, wenn die Anzahl der fremdenfeindlichen Übergriffe im Vorjahr gestiegen war.

Zudem sei die Quote in Ländern mit höherer Einwohnerzahl oder solchen mit relativ niedriger Arbeitslosenquote höher als in Ländern mit weniger Einwohnern oder mit relativ hoher Arbeitslosenquote. Es gebe auch Hinweise darauf, dass weniger positive Bescheide ausgestellt würden, wenn die Entscheider bürokratisch überlastet seien.

Als grundsätzlich problematisch sehen Riedel und Schneider die von der föderalen Struktur Deutschlands bedingte große Entscheidungsmacht der einzelnen Bamf-Mitarbeiter an. Daher sprechen sich die Autoren dafür aus, den Handlungs- und Interpretationsspielraum der Mitarbeiter einzuschränken und ihr Verhalten stärker zu überwachen. Natürlich seien Bamf-Mitarbeiter in ihr soziales und politisches Umfeld eingebettet, schreibt der Politikwissenschaftler Schneider. "Aber eine Bundesbehörde sollte unabhängig von Befindlichkeiten in einem Bundesland entscheiden."