Nächsten Mittwoch wollen sich die Spitzen der großen Koalition zum Gipfel treffen, vielleicht zum letzten Mal in dieser Legislaturperiode. Im ganz kleinen Kreis besprechen dort Kanzlerin, Partei- und Fraktionschefs die Themen, die so wichtig sind, dass sie keinen Unterhändlern zugetraut werden. Diesmal wird einer fehlen. Der frisch gewählte SPD-Parteichef und Kanzlerkandidat Martin Schulz will dem Koalitionsgipfel fernbleiben. Vordergründig, weil gleichzeitig im Bundestag die SPD-Fraktion ihren Frühlingsempfang gibt und einen Demokratie-Preis verleiht.

"Arbeitsverweigerung" sei das, schimpft CDU-Fraktionschef Volker Kauder; "Party statt Politik", giftet Michael Grosse-Brömer, Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU. Schulz mache sich "einen schlanken Fuß", stänkert die CSU aus Bayern. Man könnte das ganze als Koalitionsgeplänkel im aufziehenden Wahlkampf abtun, eine Politposse im missgünstigen Berliner Klein-Klein der Parteien. Doch tatsächlich zeigen sich an dem Fall die Strategien von Union und SPD – und wie gefährlich Schulz' Wahlkampf für die SPD werden kann.

Die Union hat zum ersten Mal eine Schwachstelle gefunden, die sie bis zur Wahl noch häufiger nutzen wird. Ließ Schulz bislang sämtliche Angriffe locker abperlen, ist er nun in die erste Falle getappt.

Die Union hat sich verbissen

Martin Schulz' Kandidatur und der Aufschwung für die SPD hatte den Koalitionspartner in Berlin unvorbereitet getroffen. Offenbar in vorauseilendem Gehorsam schickte Anfang des Jahres ein CDU-Europa-Abgeordneter, der Schulz lange aus der Nähe beobachten konnte, ein "Dossier zu Herrn Schulz aus Brüssel" nach Berlin. Darin werden drei Punkte umrissen, um Schulz "früh zu entzaubern". Nummer zwei und drei hat die Union schon versucht. Beide haben Schulz nicht geschadet: seine Personalpolitik in Brüssel angreifen und seine Haltung zu den Themen Eurobonds und EU-Beitritt der Türkei. Doch in Punkt eins auf der Liste hat die Union sich nun verbissen: Schulz als "Teil des alten Systems" darstellen und ihn "für alle Regierungsentscheidungen der SPD der letzten Jahre mitverantwortlich" machen. Nichts anderes ist ein Koalitionsgipfel: Teil des Systems werden und Verantwortung übernehmen.

Schulz' Aura: Er ist nicht Gabriel

Schulz schwänzt nicht, weil er lieber auf die Feier geht, sondern weil er Angst hat, verwundbar zu werden. Denn bislang zieht er viel seiner Aura daraus, als der Neue aufzutreten. Den Genossen gilt er als authentisch und unverbraucht, weil er noch nie bittere Koalitionskompromisse schließen musste. Sigmar Gabriel weiß das. Öffentlich begründete er seinen Rücktritt vom Parteivorsitz damit, dass er nun mal als Gesicht der ungeliebten großen Koalition gelte und als solches keine Chancen auf einen Wahlsieg gehabt hätte. Inhaltlich trennt den alten und den neuen SPD-Chef nicht viel. Dass Schulz die Herzen der Wähler zufliegen, hat auch damit zu tun, dass er nicht Gabriel ist. Und kein Großkoalitionär.

Schulz' Wahlkampfstrategie wird es sein, dass das so bleibt. Er wird versuchen, sich so wenig wie möglich in die Berliner Koalition und den Parteienwettstreit hineinziehen zu lassen. Die Union hingegen wird genau darauf abzielen.

Gefährlich für die SPD

Für die Regierungsbilanz und die Außenwirkung der SPD kann Schulz' Strategie sehr gefährlich werden. Tatsächlich stehen beim Koalitionsgipfel am Mittwoch Herzensangelegenheiten der Sozialdemokraten auf der Tagesordnung. Es soll unter anderem um das Rückkehrrecht aus Teilzeit in Vollzeit gehen, die Ehe für alle, ein Gesetz gegen Kinderehen sowie die steuerliche Absetzbarkeit von Managerboni. Vieles davon sind Punkte, mit denen Schulz derzeit durch die Hallen im Land zieht und Wahlkampf macht. Es ist schwer zu vermitteln, warum Schulz nur vor seinen jubelnden Genossen für diese Themen wirbt, sich aber nicht mit allem Gewicht in die Koalitionsverhandlungen dazu wirft.

Statt Schulz werden Gabriel und Fraktionschef Thomas Oppermann für die SPD am Gipfel teilnehmen. Auch wenn sich die Partei Mühe gibt, das zu dementieren: Die Sozialdemokraten schicken nur die zweite Garnitur zum Spitzentreffen. Der Termin war kurzfristig verschoben worden, und Schulz' Anwesenheit auf dem Fest schon geplant: Doch für derart wichtige Anlässe muss man als Parteichef den Kalender umwerfen. Dass die Union verstimmt reagiert, ist verständlich. 

Ohne ein Amt und die einhegende Raison, die Mandate mit sich bringen, konnte Schulz bisher losgelöst als außerparlamentarischer Wahlkämpfer auftreten. Das ist seit seiner einstimmigen Wahl zum Parteichef vorbei. Schulz' Fehlen ist ein Fehler.