Noch bis vor Kurzem war es so: Wer Canan Bayram in Berlin treffen wollte, fand sie meist da, wo der Senat sie nicht haben wollte. In einem Flüchtlingscamp oder einem besetzten Haus. Frank Henkel, Berlins CDU-Innensenator, wollte 2013 den Kreuzberger Oranienplatz räumen, Bayram stand im Weg. Im Jahr 2014 wollte er die von Flüchtlingen besetzte Schule in der Ohlauer Straße räumen. Bayram war da. Und auch in der Rigaer Straße, wo Autonome seit Jahrzehnten ein Haus besetzen, wollte Henkel aufräumen. Und wieder stand er Bayram gegenüber.

Canan Bayram ist keine Aktivistin, sie kettet sich nicht an Zäune, hält keine Schilder in die Luft. Sie ist Anwältin und Grünen-Abgeordnete im Berliner Landesparlament. Sie kämpft mit Papier, mit Klagen und Gesetzesvorschlägen. Der Innensenator, so etwas wie Bayrams Endgegner, ist jetzt weg. Zurück in der Opposition. Für Bayram heißt das: Sie kann ins nächste Level. Und das ist der Bundestag. Bayram ist seit Samstag Direktkandidatin für den Bundestagswahlkreis 83, Friedrichshain-Kreuzberg, Eigenwerbung: "Achtung, Sie betreten nun den links-grün-versifften Sektor".

In keinem der 299 deutschen Wahlkreise weicht das Wählverhalten so sehr vom Durchschnitt ab. Linke und Grüne auf je fast 30 Prozent, die CDU meist gerade noch zweistellig. Deutschlandweit das einzig grüne Direktmandat. Unübliche Wähler, unübliche Vertreter. Besser gesagt, genau ein Vertreter. Seit 16 Jahren gewinnt hier nämlich ein und derselbe, teilweise mit mehr als 40 Prozent der Stimmen: Hans-Christian Ströbele.

Diesmal aber tritt er nicht mehr an. Und das wirft die Frage auf: Kann Bayram das Direktmandat halten? Kann überhaupt ein Grüner es halten? Oder ist das einzige grüne Direktmandat eigentlich ein Ströbele-Mandat?

Im Plenarsaal des Preußischen Landtags in Berlin zupft sich Canan Bayram, 51 Jahre alt, die Lederjacke zurecht und legt die Hände flach vor sich auf das Pult. Sie ist keine imposante Erscheinung, eher kleine Statur, ruhige, klare Stimme. Sie beginnt ihre Rede, es ist eine Replik auf einen Antrag der AfD, eigentlich ein Antrag auf Trennung von Amt und Mandat, aber kaum mehr als ein persönlicher Angriff gegen die grüne Fraktionsvorsitzende und Wirtschaftssenatorin Ramona Pop. Bayram verteidigt ihre Parteifreundin, spricht aber im selben Zug darüber, dass die Dopplung von Amt und Mandat auch innerhalb der Grünen debattiert werde. Sie wehrt Zwischenrufe ab, pädagogisch, als erkläre sie der AfD-Fraktion die parlamentarische Praxis. Nicht herablassend, sondern korrekt.

Sie steht an der Seite der Schwächsten

Bayram ist keine, die besonders oft auffällt. Sie sitzt in der dritten Reihe des Abgeordnetenhauses. Sie ist keine Reinruferin. Wenn sie spricht, poltert es nicht, es zwickt. Beim Selbstverständnis der Grünen etwa, wenn Realpolitik und Menschenrechte sich nicht so recht vertragen wollen. 

Im Normalbetrieb wäre so eine wie Bayram vielleicht nicht so eine zentrale grüne Figur geworden. Sie ist integrations- und flüchtlingspolitische Sprecherin, ein Posten, der vor der sogenannten Krise nicht zu den prestigeträchtigsten zählte. Bayram war aber davor schon eine Instanz, wenn es um Asylfragen, Migration, Menschenrechte ging. In ihrer Kanzlei für Ausländerrecht berät sie seit 2003 Flüchtlinge und Migranten. Für Bayram war schon früh klar: Sie steht an der Seite der Schwächsten.

Bayram wurde in Malatya geboren, Türkei. Mit sechs kam sie mit ihren vier Geschwistern nach Deutschland, in die Nähe von Viersen, Nettetal, wo der Vater als Lehrer, die Mutter als Krankenschwester arbeitete. Man hört ihr das Niederrheinische an, das Ch und Sch, das "Ne". Ihren Namen spricht sie aus, als sei der urdeutsch, Tschanan Beirahm, aus pragmatischen Gründen. Die türkische Staatsbürgerschaft hat sie mit 30 abgelegt, bewusst, um sich dem türkischen Staat zu entziehen.

In den alten Osten

Sie hat eine Ausbildung zur Großhandelskauffrau gemacht, ihr Abitur in der Abendschule abgeschlossen und an der Uni Bonn Jura studiert. Dort bewegte sie sich in SPD-nahen Studentengruppen. 1999 begann sie als Juristin beim SPD-geführten Umweltministerium, trat in die Partei ein, wurde erst Mitglied, dann Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen.

Es war die Zeit des Regierungsumzugs, Berlin reizte auch sie, die zusammenwachsende Stadt. Das Umweltministerium aber blieb in Bonn. Bayram war überzeugt: Sie muss gehen. Im Jahr 2003 zog sie nach Berlin, in den alten Osten, Rigaer Straße.

In der Bezirks-SPD stieg sie schnell auf, von der Abteilungskassiererin zur Kandidatin für das Abgeordnetenhaus. 2006 stellte sie sich zur Wahl, bekam sie 28 Prozent der Stimmen, das erste und einzige Direktmandat der SPD für diesen Wahlkreis.

Was sie aber im Abgeordnetenhaus fand, war nicht die SPD, die sie sich vorstellt, nicht die, die mit ihren Werten vereinbar schien. Es dauerte nicht lang, bis sie merkte: Die SPD und ich, das wird nichts.