Erst einige gute Gedenkworte zu dem jüngsten Terror in London, einem Beispiel der akuten Gefährdung unserer freiheitlichen politischen Ordnung in Europa und unserer 1949 gegründeten zweiten Republik – dann kommt Bundestagspräsident Norbert Lammert vor dem Parlamentsplenum zu seinem eigentlichen Thema. Es ist das Gedenken an große Zeugen für die erste und nach 15 Jahren untergegangene parlamentarische Demokratie in Deutschland, für die Weimarer Republik.

Von nun an sollen zwei Gebäude des Bundestages an der Straße Unter den Linden zu Berlin nach zwei Politikern dieser Epoche benannt werden. Zum einen nach dem Zentrumspolitiker Matthias Erzberger, dem ersten Märtyrer der Weimarer Demokratie, der am 26. August 1921 ermordet wurde. Zum anderen nach dem Sozialdemokraten Otto Wels, der am 23. März 1933 die letzte freie Rede im Reichstag hielt, bevor das an diesem Tag ergangene nationalsozialistische Ermächtigungsgesetz der deutschen Demokratie erst einmal den Garaus machte. Für die Dauer des sogenannten Tausendjährigen Reiches – und für weitere 44 Jahre im östlichen Teil unseres Landes. Diese doppelte Erinnerung kommt einerseits viel zu spät – und andererseits gerade rechtzeitig.

Warum es zu spät ist: Bisher hat im öffentlichen Bild der Stadt nicht ein Stein, keine Straße, kein Platz an Matthias Erzberger erinnert. Die oft provinzielle Berliner Erinnerungskultur verweigerte sich allen Initiativen und Bitten. Nur Wolfgang Schäuble, diese Ehre gebührt ihm, benannte am 90. Jahrestag seiner Ermordung den Festsaal im Finanzministerium nach Erzberger.

2018: Erinnerung an den Beginn von Weimar

An Otto Wels erinnern immerhin eine Straße, freilich nur im südlichsten Neukölln, und eine Grundschule in Kreuzberg – ein bisschen prominenter hätte es schon sein dürfen … Jetzt kehren beide Namen endlich ins Zentrum der deutschen Demokratie und Republik zurück, in die unmittelbare Nähe des Parlaments.

Warum die Erinnerung gerade rechtzeitig kommt: Nächstes Jahr, 2018, begehen wir die Erinnerung an das Ende des Kaiserreiches und den Anfang der Weimarer Republik. Zum Auftakt die Ehrung zweier Gründungszeugen – das hat schon was!

Rechtzeitig aber auch aus Gründen, die aus Lammerts Ansprache hervorschimmerten. Zum einen erinnerte er daran, dass Erzberger und Wels je auf ihre Weise für die große Weimarer Koalition aus Zentrum, Sozialdemokraten und Linksliberalen standen. Solange dieses Weimarer Bündnis Bestand hatte, ging es in der Republik noch einigermaßen. Daran sollten auch all jene denken, die heute über die große Koalition nur Hohn verbreiten. Es werden wohl noch Zeiten kommen, in denen es eines solchen Schulterschlusses wieder bedarf.

Übrigens war diese Doppelehrung auch wohl nur noch in den vorerst letzten Monaten dieser großen Koalition möglich – ein christlicher Demokrat und Zentrumsmann, dazu ein Sozialdemokrat, das war ausgewogen und damit unkontrovers genug. Und als Vorschlag war es auch genau deshalb von jenen an den Bundestagspräsidenten herangetragen worden, die sonst keine Chance für ein Erzberger-Memorial mehr sahen. Es ehrt Norbert Lammert, dass er diesen Vorschlag aus eigener Überzeugung aufgegriffen hat.

Ein Letztes: Ein Straßenname nach Erzberger war in Berlin seit 2000 immer wieder daran gescheitert, dass er – wie ein kluger Spötter dieser Tage notierte – zwar mutig, aber leider keine Frau war. Gender geht in der Erinnerungspolitik der Berliner Bezirke eben vor Gerechtigkeit und Geschichte. Und selbst im Bundestag war da Rücksicht zu nehmen, wie Lammerts Zusatzbemerkung zeigte – ein gut zu entrichtender Preis: Man hoffe, bald auch ein Gebäude nach einer Frau benennen zu können. Warum auch nicht? Ehre, wem Ehre gebührt – allein nach Verdienst und nicht nach Geschlecht!

Jetzt aber gilt erst einmal: Ende gut, alles gut!