Dieser Text gehört zu unserer neuen Reportageserie Überland. Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE in den kommenden Monaten aus ihrer Region.  Die Serie ist Teil unseres neuen Sonder-Ressorts #D17, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

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Würde er sich einmal fürchten müssen, weil er für mehr Naturschutz kämpft? Michael Kunkel hat das nicht für möglich gehalten. Dann aber begannen wildfremde Menschen auf Demonstrationen plötzlich Drohungen gegen ihn auszustoßen. "Schlag ihn tot, den Hund." Und: "Verrecken soll er, die Drecksau." Kunkel ist ein schmaler Mann von 58 Jahren, Outdoorjacke, tiefe Furchen im Gesicht von den vielen Stunden, die er durch den Wald gelaufen ist. Die Sprüche haben ihn erschreckt. Man kennt sein Gesicht hier im Spessart, das macht ihm Angst.

Es ist ein Dienstagnachmittag im März und Kunkel steht auf dem gepflasterten Vorplatz des Landratsamts von Miltenberg, ein Ort mit rund 9.000 Einwohnern im Spessart. Er ist gekommen, um eine der Demos der Leute zu sehen, die er nicht mehr versteht. Rund 400 Demonstranten sind es insgesamt, sie tragen Schilder und T-Shirts, auf denen steht: "Nationalpark, nein Danke". Und: "Leg dich niemals mit einem Spessarter an – wir kennen Orte, an denen dich niemand findet". Kunkel hat sein Auto vorsichtshalber weiter weg geparkt. "Ich bin verhasst", sagt er. Wie es so weit hat kommen können, warum alles so emotional wurde – Kunkel ist das bis heute unerklärlich. Seit 35 Jahren arbeitet er für den Bund Naturschutz. Noch nie hat er etwas Ähnliches erlebt wie beim Streit um den Wald.

Im Spessart soll ein Nationalpark entstehen, so fing alles an. Im Juli des vergangenen Jahres kündigte Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer an, er sei "fest entschlossen", einen dritten Nationalpark in Bayern zu gründen. Ein dritter Park neben jenen, die es schon gibt, im Bayrischen Wald und Berchtesgaden. Zonen, in denen der Wald und die Tiere geschützt werden. Libellen und Fledermäuse, die Moore und Wacholderhecken, die Pilze und Käfer. Es schien ein Plan zu sein, von dem alle profitieren: der Wald, der Tourismus und auch die CSU. Im Jahr 2018 wird in Bayern gewählt und Seehofer kann von sich behaupten, das Thema Umweltschutz nicht nur den Grünen überlassen zu haben.

Doch schon bald gab es Widerstand, auch in den eigenen Reihen. Der CSU-Landtagsabgeordnete Peter Winter gründete den Verein Wir im Spessart und sammelte binnen kurzer Zeit 7.000 Unterschriften gegen den Nationalpark. Seither werden es täglich mehr. Der Bauernverband und Kreisgruppen des Jagdverbands haben sich dem Protest angeschlossen. Eine Gemeinde nach der anderen spricht sich gegen den Park aus. Es gab Mahnfeuer in mehr als 20 Kommunen, Demonstrationen wie in Miltenberg, Sticker, bedruckte Warnwesten – der Protest gegen den Nationalpark hat sich professionalisiert.

In Deutschland gibt es 16 Nationalparks, viele von ihnen sind jahrzehntealt. Doch selten haben sich Bürger dermaßen gegen die Veränderung des Waldes gewehrt wie diesmal im Spessart.

Eine "Propaganda-Schlacht" betrieben die Gegner, so sehen es die Naturschützer und Befürworter des Nationalparks. Auf Facebook bezeichnen sie die Protestbewegung als "Wald-Taliban" und "Holznazis". Doch die Schmähungen bestätigen nur all jene Demonstranten, die ohnehin finden, die Reichen und Mächtigen im fernen München hörten ihnen zu wenig zu. Befürworter des Parks erzählen, dass mittlerweile Hochzeitsfeiern bei Gastwirten abgesagt würden, die auf der anderen Seite des Streits stünden. Die Region und die CSU selbst – sie sind zerrissen im Streit darüber, was mit dem Wald geschehen soll.

Der Spessart ist das größte zusammenhängende Mischwaldgebiet der Republik. Im Süden reicht er bis zum Odenwald und Main, im Norden bis nach Hessen. Nirgendwo gibt es ältere Wälder. Buchen, die älter sind als 180 Jahre, Eichen, die mehr als 300 Jahre überdauert haben. Der Spessart muss vor den Menschen beschützt werden, damit er weiter überleben kann, so argumentieren die Befürworter des Parks. Der Spessart ist ein Wald, auf den die Menschen seit Jahrhunderten aufgepasst haben. Warum sollte man sein Wesen verändern? Das sagen die Gegner.

Man muss, um den Streit zu verstehen, noch eine Zahl kennen: 10.900 Hektar. Das ist die geplante Fläche, die die bayerische Umweltministerin Ulrike Scharf für den Nationalpark ins Auge gefasst hat. 10.900 Hektar sind etwas mehr als zehn Prozent der gesamten Waldfläche im bayerischen Teil des Spessarts. Im Rest des Waldes – also auf rund 96.000 Hektar – würde sich nichts verändern. Auch geht es nur um den Teil des Waldes, der ohnehin dem Staat gehört. Kein Bürger würde durch den Nationalpark enteignet werden. Woher kommt also plötzlich diese Wut?

Warum etwas ändern, das immer da war?

Das Haus von Stefan Hein* liegt direkt an einem Waldstück. Sein Vater war ein Waldarbeiter, er selbst ist Informatiker. Hinter seinem Haus beginnt die Pferdekoppel, dahinter erheben sich die Bäume. Vor einigen Jahren verkündeten die Ärzte seinem Vater, dass er nur noch wenige Monate zu leben habe. Nach der Diagnose gingen die beiden Männer oft in den Wald, zum Reden.

Der Vater hat überlebt, der Wald aber, fürchtet Hein, könnte ihm verloren gehen. Als Kind sei er jeden Tag im Forst gewesen, sagt Hein. Heute geht er, 42 Jahre alt, mit seinen Kindern in den Wald, wann immer es seine Arbeit erlaubt. Mit der Kutsche, mit dem Fahrrad, zu Fuß, mit dem Hund. Als sein Sohn drei Jahre alt war, zog er das erste Mal mit ihm zum Übernachten in den Wald, die Schlafsäcke unter den Arm geklemmt. Heute ist sein Sohn 14 und seine Schulfreunde würden ihn wohl auslachen, wenn sie von den Ausflügen mit dem Vater wüssten, sagt Hein. Aber die Nächte zwischen den Bäumen, unter den Kronen, waren wichtig, für Hein und seinen Jungen.

"Meine Angst ist", sagt Hein, "dass mit dem Nationalpark ein Schild hinter mein Haus kommt und da steht drauf ’Betreten verboten’".

Heins Dorf, 2.000 Einwohner, ist in der Frage des Nationalparks gespalten, wie viele Dörfer im Spessart. Deshalb will Hein seinen richtigen Namen in dieser Geschichte nicht lesen und auch nicht, wo er wohnt. Er selbst hat mitgemacht bei den Mahnfeuern gegen den Park, auch wenn er ahnen muss, dass sie die Stimmung im Dorf weiter angeheizt haben. In seinen Augen sind jedoch nicht die Gegner des Parks die Radikalen, sondern jene, die das Naturschutzgebiet wollen. "Die wollen den Park mit aller Gewalt", sagt Hein. Er hat Sorge, dass ihm etwas weggenommen wird, das er liebt: den Wald, wie er ihn seit seiner Kindheit kennt. Er versteht nicht, warum sich etwas ändern soll, das immer so war. Und das zumindest in seinen Augen ganz gut funktioniert hat. 

Deshalb fing Hein irgendwann an, auf die Demonstrationen zu gehen. Auch in Miltenberg an diesem Dienstagnachmittag läuft er mit. Er trägt eine neongelb leuchtende Warnweste, wie sie die Forstarbeiter anhaben, genauso wie die meisten anderen Demonstranten. Viele der Männer tragen Filzhüte und Handwerkerhosen, Hein eine Jeans und eine Baseballkappe. "Nationalpark spaltet die Natur und die Bevölkerung", steht auf einem Transparent. Hein hat alte Schulfreunde unter den Protestlern wiedergetroffen, die er seit Jahrzehnten aus den Augen verloren hat. Über die Wut auf den Nationalpark haben sie wieder zueinandergefunden. 

Manche im Spessart erinnern sich jetzt an früher

Wobei hier jeder andere Vorbehalte gegen den Nationalpark hat. Die einen fürchten, dass sie Wasserquellen nicht mehr nutzen können, die dann in der Schutzzone lägen. Die anderen haben Angst, dass der Wald verrottet und der Borkenkäfer alles kahl frisst. Die Wildschweine könnten sich vermehren, der Wolf kommen.

Viele sorgen sich, dass sie ihre "Spessartrechte" verlieren, ein in den Grundbüchern der Häuser eingetragenes Recht, das bis ins Mittelalter zurückreicht. Hausbesitzer dürfen demnach eine gewisse Menge Holz aus dem staatlichen Teil des Waldes holen, wenn die Bäume gefällt werden. Die Tradition hat über Jahrhunderte die Heizungen der Leute gefüllt und umweltschonend ist sie auch. Warum sollte man sie anrühren? Und dann ist da die Sorge um Arbeitsplätze. Die Holzwirtschaft lebt gut vom Holz des Spessarts. Kann das Geschäft weitergehen, wenn der Nationalpark kommt?

Manche Spessarter erinnern sich an Zeiten, in denen ihre Eltern nicht genug Holz hatten und zum Heizen teuer zukaufen mussten. In der sie selbst nach der Schule auf dem Acker arbeiteten. Ihre Großväter und Väter haben das teuer erkaufte Holz geschlagen, die Stämme zuerst mit Pferden durch den Forst gezogen, später mit den ersten Autos. Heute schlagen 20 Tonnen schwere Lastwagen ihre Schneisen durch den Wald. Die Großmütter und Mütter haben Eicheln gesammelt, Samen gesetzt, den Wald aufgebaut. Viele Familien in der Region machen seit Generationen Holz, bis heute. Wir kommen vom Holz her, sagen die Menschen im Spessart. Das Holz ist Teil der Identität.

Vielleicht sind die Demonstranten deshalb auch misstrauisch, wenn die bayerische Umweltministerin Scharf verspricht, der Nationalpark bringe einen neuen Aufschwung für die Region. Weil die Spessarter gelernt haben, dass bei ihnen andere Regeln herrschen. Der Spessart war, wie viele Mittelgebirge in Deutschland, eher ein Verlierer der Industrialisierung. Die Eisenbahn wurde hier später gebaut und die Armut nach dem Zweiten Weltkrieg hielt sich länger als anderswo im Land. Nur das Holz war oft die Rettung.

Und dann ist da noch die Sache mit den Herrschern von auswärts. Früher arbeiteten die Spessarter im Wald für die Kurfürsten und Grafen, heute schuften sie im Staatswald für das Land Bayern. Doch ganz kontrollieren ließ sich der Wald nie: Meistens war der Spessart politisch zersplittert, es gab keine grenzübergreifende Strafverfolgung, dafür aber Räuberbanden, die durch die Wälder zogen. Sie gehören zum Spessart genauso wie Liselotte Pulver.

Der Umweltschützer glaubt nicht mehr an den Sieg

Pulver spielte 1958 in Das Wirtshaus im Spessart die Gräfin, die von einer Räuberbande als Geisel genommen wird und sich anschließend in deren Hauptmann verliebt. Der Film wurde bundesweit ein Erfolg. Mit der echten Not im 19. Jahrhundert, die das einfache Volk illegal an die Flinte trieb, hat der Film zwar wenig zu tun. Doch die Not, der Wald und seine Märchen prägen bis heute nicht nur das Image des Spessarts, sondern auch sein Selbstverständnis. Heimat hieß hier im Zweifel immer auch: gegen die Mächtigen bestehen.

Auch deshalb ist man im Spessart sehr sensibel für Fremdbestimmung. "Die dummen Bauern werden's schon schlucken, das denken die", ruft ein wütender Demonstrant. Solche Sätze hört man hier oft. Die, das sind die Naturschützer, die Regierung in München. Die Landeshauptstadt mit ihren Technologiezentren ist dreieinhalb Autostunden entfernt. Unendlich weit weg, wenn man sich fühlt wie am Ende der Welt.

"Keine Zwangsbeglückung"

An diesem Dienstagnachmittag in Miltenberg ist die Umweltministerin Scharf aus München angereist. Sie trägt ein waldgrünes Jackett mit Filzaufschlag und Silberknöpfen, das seidig glänzt. Die Montur sagt: Ich bin eine von euch, ich kenne den Wald. Die CSU-Politikerin will reden, sie nennt es einen "Dialogprozess". Scharf sagt, es sei absolut normal, dass Emotionen eine Rolle spielten, wenn der Wald ins Spiele komme. Dann verschwindet sie zum Gespräch mit den Interessengruppen im Landratsamt. Nach dem Gespräch sagt sie, der Park sei "ein Angebot" und "keine Zwangsbeglückung". Sie klingt dabei sehr defensiv.

Auch der Umweltschützer Kunkel war bei dem Treffen mit der Ministerin dabei. Er glaubt heute nicht mehr, dass der Nationalpark wie geplant kommen wird. Nicht bei diesem Widerstand. Kunkel hat gehört, dass die Umweltministerin gesagt hat, der Park werde nur mit der Region entstehen, nicht gegen sie. Das hält er für kein gutes Zeichen.

Kunkel will dennoch weiterkämpfen. Fast jeden Tag sitzt er ein paar Stunden am Computer und schreibt Mails, um für den Nationalpark im Spessart zu werben. Er hat sich immer aus der Politik rausgehalten, aber jetzt will er nicht verlieren. Der Spessart sei seine Heimat und für diese Heimat kämpfe er, sagt er. Kunkel sagt, er habe neuerdings Angst im Wald. Nicht vor dem Wolf, sondern vor seinen Gegnern. Seine Frau hat ihm geraten, er solle sich schnell davonmachen, wenn ihm jemand begegnet.

* Name von der Redaktion geändert