Die Bilder gehören zur Ikonografie der Bundesrepublik: Bundeskanzler Helmut Schmidt verneigt sich voll Scham vor Waltrude Schleyer, der Witwe des von RAF-Terroristen entführten und ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Während der Trauerfeier in der Stuttgarter Domkirche sitzt er neben ihr, sie voller Gram und Zorn, er mit sichtbaren Schuldgefühlen. Denn er hatte es letztlich zu verantworten, dass ihr Mann gestorben war – Schleyer wurde der Staatsräson geopfert und dem Schutz vor weiteren Anschlägen.

Am 5. September 1977 hatte ein Kommando der Roten Armee Fraktion (RAF)  in Köln Schleyers Auto gestoppt, seinen Fahrer sowie drei Sicherheitsbeamte erschossen und den Arbeitgeberpräsidenten gekidnappt. Es war der spektakulärste einer ganzen Reihe von Terrorakten, mit denen die Gruppe seit Anfang der 1970er Jahre den Staat herausgefordert hatte. Es begannen sechs dramatische Wochen: der "Deutsche Herbst", der das Land für immer veränderte.

Die Polizei begann die bis dahin größte Fahndungsaktion, um das Versteck zu finden, in das die Terroristen Schleyer verschleppt hatten. Erstmals sah man Beamte mit Maschinenpistolen und gepanzerte Polizeifahrzeugen auf den Straßen, überall gab es Kontrollen. Der Bundestag verschärfte im Eilverfahren Sicherheitsgesetze.

Eisenhart und bis heute umstritten

Helmut Schmidt hatte sich von Anfang an festgelegt: Die Bundesregierung werde nicht auf die Forderung der Entführer eingehen, elf RAF-Gefangene freizulassen, um Schleyer freizubekommen. Der Staat dürfe sich nicht erpressen lassen – das war seine eisenharte Linie, der sich das Kabinett und die Opposition anschlossen.

Gab es dazu eine Alternative? Um diese Frage kreist das Buch Ein Tag im Herbst. Die RAF, der Staat und der Fall Schleyer, das Anne Ameri-Siemens frühzeitig vor den 40. Jahrestagen des Terrorherbstes vorgelegt hat. Die Autorin, die – 1974 geboren – die Zeit nicht bewusst erlebt hat, nähert sich den Ereignissen von 1977 aus sehr verschiedenen Blickwinkeln. Sie hat mit zahlreichen Zeitzeugen gesprochen, die sie ausführlich zu Wort kommen lässt. Darunter sind Mitglieder der damaligen staatlichen Krisenstäbe wie der ehemalige Bundesjustizminister Hans-Jochen Vogel und der nordrhein-westfälische Ex-Innenminister Burkhard Hirsch, Gefängniswärter, die seinerzeit die RAF-Gefangenen bewachten, sowie Publizisten und Zeithistoriker wie Stefan Aust, Heribert Prantl und Wolfgang Kraushaar, der wie kein anderer die Geschichte und Vorgeschichte der RAF erforscht hat.

Am eindrucksvollsten sind die langen Passagen, in denen Ameri-Siemens Hanns-Eberhard Schleyer zitiert, den ältesten Sohn des ermordeten Arbeitgeberpräsidenten. In ihnen spürt man, dass er bis heute verbittert ist und noch immer mit der Regierungsentscheidung hadert, die seinem Vater am Ende das Leben kostete.

War es richtig, das Schicksal eines Menschen Terroristen zu überlassen, wenn man ihn nicht rechtzeitig finden konnte, um den Strafanspruch des Staates gegenüber den inhaftierten Terroristen durchzusetzen und zu verhindern, dass sie im Fall einer Freilassung weitere Menschen töten könnten? Und um weitere Freipressversuche durch Entführungen der RAF zu unterbinden – was gelang?