Der Wahlabend ist erst wenige Minuten alt, als die ersten Genossen ihn schon abhaken. Im Willy-Brandt-Haus, der SPD-Bundeszentrale, hat der Parteichef noch nichts zur Wahlniederlage an der Saar gesagt, da drängen SPD-Anhänger schon zur Garderobe und zum Ausgang. Kurz zuvor hatten die sechs Flachbildfernseher im Innenhof die enttäuschenden Hochrechnungen gezeigt. Die bunten Balkendiagramme verdeutlichten: Die CDU hat die SPD um fast zehn Prozentpunkte überflügelt. "Das holen wir nicht mehr auf", winkt ein Genosse ab und schlüpft in seinen Mantel. 

Dabei hatte die ganze Partei auf diese Wahl gehofft, die Landtagswahl eins nach Martin Schulz, dem Parteichef und Kanzlerkandidaten, der die Partei aus dem Umfragetief holte. Ein Sieg zum Auftakt des Wahljahres, der hätte die ohnehin schon recht breite Brust der SPD noch breiter werden lassen. Auch deshalb schaute man in Berlin in den letzten Wochen so genau auf das kleine Saarland. Tatsächlich hatte Schulz die Umfragewerte auch an der Saar steigen lassen. Um die Menschen hier mit seiner Aura, irgendwo zwischen Optimismus und Großspurigkeit, anzustecken, aß Schulz auf vielen Wahlkampfterminen im Lande Würstchen und schüttelte viele Hände. 

Entsprechend starr sind die Gesichter im Willy-Brandt-Haus, als die Bildschirme die ersten Zahlen zeigen. Ein Stöhnen geht durch die Reihen, als der Balken der CDU klettert und klettert und erst bei 40 Prozent zum Halten kommt. Unterdrückte Flüche sind zu hören, als die rote Säule schon bei 30 stoppt. Wie kam es dann zu dieser doch so deutlichen Niederlage? 

Martin Schulz lässt sich Zeit, bevor er mit seiner Interpretation der Niederlage vor seine Anhänger tritt. Als er auf das Podium steigt, gibt es zwar Applaus, der fällt aber längst nicht so frenetisch aus wie vor wenigen Wochen, als Schulz dort als Kanzlerkandidat nominiert wurde. "Ich war zuversichtlich, dass wir gleichauf liegen würden oder vielleicht sogar an der Spitze", sagt Schulz. Nicken im Saal, diese Hoffnung hatten einige in der Partei. Schulz versucht nicht, die Niederlage zum Sieg umzudeuten: "Wir haben unser Ziel nicht erreicht." Er kann dem Ergebnis aber doch Positives abgewinnen: "Wir lagen Ende Januar in den Umfragen bei 24 Prozent". Immerhin hat der Schulz-Effekt dafür gesorgt, dass die Sozialdemokraten in etwa ihr Ergebnis der letzten Wahlen halten können.

An die Euphorie nach seiner Kandidatur will er unbedingt anknüpfen, Saarland hin, Saarland her. "Unser Ziel ist der Regierungswechsel in der Bundesrepublik", ruft er. Die Wahl will er daher nicht als Rückschlag verstanden wissen: "Das ist ein Langstreckenlauf und kein Sprint." 

Wie Schulz sieht auch seine Generalsekretärin Katarina Barley den Hauptgrund für die Niederlage nicht bei der SPD. "Wir haben schon oft gesehen, dass Landtagswahlen von Persönlichkeiten entschieden werden", sagt Barley ZEIT ONLINE. Umfragen hatten schon vor der Wahl gezeigt, dass Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer von der CDU in sämtlichen Persönlichkeitswerten vor ihrer SPD-Herausforderin Anke Rehlinger lag. Rehlinger hatte einen echten Schulz-Wahlkampf gemacht, mit denselben Themen, mit denen der Kanzlerkandidat seit Wochen die Genossen begeistert: energisch gegen Rechts, für Europa, für kostenlose Kitas und mehr soziale Gerechtigkeit. Ein älterer Genosse pflichtet bei: "Die große Koalition war beliebt, also ist die Chefin der Koalition beliebt – auch weil die SPD so gute Regierungsarbeit geleistet hat."

Wie die Umfragen daneben lagen

© Infografik: Paul Blickle, ZEIT ONLINE

Das hat die SPD in die schwierige Lage gebracht, Wahlkampf gegen die eigene Koalition zu machen. Das ist immer kompliziert und muss dem Wähler genau erklärt werden. Die Parteien müssen sich in so einer Situation von ihrer Regierung absetzen, ohne zugleich die eigene Bilanz zu beschädigen. Zudem hatte die SPD neben der Regierungskoalition lediglich eine Machtoption: ein rot-rotes Bündnis mit der Linkspartei. Deren Chef Oskar Lafontaine hatte klar durchblicken lassen, dass eine solche Landesregierung ganz nach seinem Geschmack wäre. Und auch die SPD zeigte sich offen. Parteichef Schulz lobte Lafontaines Arbeit an der Saar. Spitzenkandidatin Rehlinger sagte in Interviews, dass sie sich eine Koalition vorstellen könne.