Für die Serie Heimatreporter besuchen Redakteure von ZEIT und ZEIT ONLINE die Orte, in denen sie aufgewachsen sind. Die Serie ist Teil unseres neuen Ressorts #D17.

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Horst Stamms erinnert sich gut an den Tag, als ihm dämmerte, dass sein Nachbar ein mutmaßlicher Islamist war. Es war der Morgen des 10. August, ein Sommertag, als draußen vor den Fenstern seiner Kneipe plötzlich Einsatzwagen der Polizei vorfuhren. Die ruhige Wohnstraße wurde gesperrt. Dann stürmten Beamte in das graue Haus schräg gegenüber, in dem der Mann gewohnt hatte, den Stamms hin und wieder beim Spazierengehen gesehen hatte.

Den Namen des Mannes kannte man im Ort, auch Stamms hatte ihn gehört: Abdullah A., genannt Abu Walaa. Manche erzählten, Abu Walaa arbeite als Prediger in einer Moschee. Stamms erinnert sich, dass Abu Walaas Frau den Nikab getragen hatte. Das sei noch das Auffälligste gewesen. Hin und wieder hatte Stamms bemerkt, dass vor der Tür Kleintransporter mit Kennzeichen aus Duisburg und Oberhausen geparkt hatten. Aber ein islamistischer Gefährder? Daran habe er nie gedacht.  Stamms sagt: "Ich hab immer vermutet, dat der sowat ist wie der Hermes-Versand!"

Der Wirt Horst Stamms © Carolin Weinkopf für ZEIT ONLINE

Stamms hat eine kräftige Stimme, er spricht mit rheinischem Tonfall, er sagt: "dat" und "wat". Es ist ein Februartag kurz vor Karneval, Stamms steht hinter dem Tresen und zapft Bier. Mit seiner Frau Gisela betreibt er eine Kneipe, das Rosental. Die Beamten seien damals im August wieder abgezogen, sagt Stamms, ohne den Verdächtigen anzutreffen. Erst im November habe er im Fernsehen gesehen, wie die Polizei den mutmaßlichen Terroristen in Hildesheim festgenommen habe. Da habe er endgültig begriffen, dass sein Nachbar kein harmloser Prediger, sondern einer der mutmaßlichen Chefideologen des selbst ernannten "Islamischen Staates" (IS) gewesen war. Einer, der junge Männer in Deutschland für den Kampf des IS rekrutiert. Auch der Attentäter von Berlin, Anis Amri, soll sich unter Abu Walaas Einfluss radikalisiert haben.

Stamms sagt, nach der Verhaftung sei seine erste Reaktion nicht Angst, sondern Verwunderung gewesen. "Wat will der denn hier bei uns?" Das hätten sich auch viele seiner Kunden gefragt. Manche hätten sich sogar geärgert, dass sie bei der Razzia nicht dabei gewesen seien. Ist ja sonst nicht viel los in Tönisvorst.

In den Tagen nach der Razzia kamen Reporter in die Stadt und stellten Fragen. Erst recht, als wenige Tage später ein zweiter Islamist in der Nachbarschaft aufflog, ein Mann namens Roque M., der sogar in Tönisvorst groß geworden war und den viele kannten. Zwei mutmaßliche islamistische Gefährder in einem Kleinort in Nordrhein-Westfalen – und das alles innerhalb weniger Monate. Plötzlich galt St. Tönis den Medien als Nest des islamistischen Terrors.  Der Express titelte: "Oh Gott, schon wieder Tönisvorst".

Tönisvorst, bei Krefeld gelegen, ist ein verschlafener Ort mit 29.000 Einwohnern, der sich in zwei Viertel teilt: St. Tönis und Vorst. Dazwischen liegen Felder. Im Ortskern reihen sich alte Backsteinhäuser an neue Backsteinhäuser. Es gibt eine Fußgängerzone, dort sind die Geschäfte und Cafés. Außer Karneval einmal im Jahr passiert in der Stadt nicht viel. In Tönisvorst leben vor allem Kleinfamilien und Rentner, die auch deshalb hier sind, weil sie die Abgeschiedenheit von den Problemen der Welt schätzen. Politisch ist der Ort in den neunziger Jahren stehen geblieben, weder die AfD, noch die Linke haben eine Chance. Seit Jahren regiert ein CDU-Bürgermeister die Stadt. Tönisvorst ist politisch und sozial betrachtet ein stabiler Ort.

"Es war grenzwertig, was damals passiert ist"

Helmut Schäfer* zieht die Schultern hoch. "Ich weiß nicht, warum ich keine Angst habe", sagt er, "ich habe einfach keine." Schäfer ist Ende 50, er sitzt im weißen Hemd in seinem Wohnzimmer. Schäfer war, was die Terrorgefahr in Tönisvorst angeht, näher dran als andere. Er kennt Roque M., den mutmaßlichen zweiten Islamisten des Ortes, seit seiner Jugend. Später waren die beiden Kollegen. Schäfer sagt: "Was damals passiert ist, war grenzwertig."

Schäfer hat gelesen, was die Zeitungen über Roque M. geschrieben haben. Es waren Details darunter, die Schäfer kannte. Roque M., so las er, sei in Tönisvorst aufgewachsen, als Familienvater in Vereinen engagiert gewesen und kurz sogar bei den Grünen. Tagsüber arbeitete er in Krefeld bei der Volksbank, genauso wie Schäfer.

© Luftbildmaterial Google

Parallel führte M. offenbar ein Doppelleben. Er soll vor Jahren zum Islam konvertiert sein, später in Schwulen-Pornos mitgespielt haben und zuletzt vom Verfassungsschutz angeheuert worden sein, um die islamistische Szene zu beobachten. Aufgeflogen war M., als er in Chatrooms behauptete, er könnte Islamisten beim Verfassungsschutz einschleusen. Während seiner Verhaftung soll er gerufen haben: "Allah. Mich habt ihr jetzt, aber der Plan geht weiter."

Schäfer ist wütend, wenn er an die Zeit denkt, als Roque M. aufflog. Nicht wegen dessen Geisteshaltung, sondern wegen der Presse, die ein "Kesseltreiben ohne Ende" veranstaltet habe. Immer wieder seien Reporter in den Ort gekommen, um die Biographie des mutmaßlichen Islamisten auszuleuchten. Einmal hätten Journalisten der Bild-Zeitung sogar versucht, Kinder auf dem Schulhof abzupassen, um an Informationen zu gelangen. Schäfer fand das entwürdigend: das Hervorzerren einer Biografie an die Öffentlichkeit. "Ich habe mich nur gefragt: Muss das sein?" Er sorgt sich um die Familie des mutmaßlichen Gefährders, die das jetzt aushalten müsse. War es den Wirbel wert, fragt Schäfer, wenn man noch gar nicht weiß, ob die Geschichte stimmt?

Das Haus, in dem der mutmaßliche Islamist Abu Walaa in Tönisvorst gewohnt hat © Carolin Weinkopf für ZEIT ONLINE

Es war offenbar Zufall, dass Roque M. und Abu Walaa beide in Tönisvorst wohnten. In der Vernehmung gab Roque M. zu Protokoll, er habe Walaa zwar in den sozialen Medien beobachtet und sich für seine Reden begeistert. Persönlich sollen sich die beiden Männer aber nicht kennen gelernt haben. Bis jetzt gibt es keine Hinweise darauf, dass M. die Unwahrheit sagt. Derzeit untersucht ein Forensiker, ob Roque M. überhaupt schuldfähig ist. Der Düsseldorfer Oberstaatsanwalt Ralf Herrenbrück sagt, es spreche alles für einen "kuriosen Einzelfall, der in jeder Stadt vorkommen könnte". M.s ehemaliger Kollege Schäfer sagt es so: "Terror kann eben überall passieren."