Türkische Politiker werben mitten in Deutschland für ein Referendum, das dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan fast diktatorische Vollmachten geben soll – und Tausende Deutschtürken bejubeln sie: Das sind erschreckende Bilder. Und sie stellen eine sehr ernste Frage: Wie kann es sein, dass aus dem Ausland stammende Menschen hier alle Freiheiten einer liberalen, weltoffenen Gesellschaft nutzen können und sie sich dennoch für einen autokratischen Potentaten begeistern, der all diese Freiheiten in ihrem einstigen Heimatland abschaffen will?

Der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen hat darauf eine scheinbar einfache Antwort gefunden: Schuld ist die doppelte Staatsbürgerschaft. Sie habe sich "nicht bewährt", sagte er dem Spiegel.

Die umstrittenen Wahlkampfauftritte zeigen in der Tat, dass es um die Integration der hier lebenden Türken und Türkischstämmigen nicht gut steht: Sie fühlen sich in Teilen offenbar der Türkei immer noch weit mehr verbunden als Deutschland, und die Entfremdung wird von Erdoğan mit seiner Kampagne kräftig geschürt. Er gibt den Türken auch im Ausland einen Nationalstolz, den sie hier angesichts vielfacher Ablehnung offenkundig nicht empfinden.

Allerdings gibt es auch eine große Zahl von Deutschtürken, die sich gegen Erdoğan und seine autokratischen Ziele stellen. Und zu dem Gefühl, noch immer fremd in diesem Land zu sein, haben die deutsche Politik und die deutsche Gesellschaft erheblich beigetragen. Sie haben die Integration der türkischen Minderheit lange verweigert, zumindest nicht aktiv gefördert. Der ewige Streit um das Kopftuch und die weit verbreitete Islamfeindlichkeit signalisieren vielen Deutschtürken bis heute, dass sie kulturell nicht willkommen sind.

Mit dem von Röttgen kritisierten Doppelpass hat das alles aber so gut wie nichts zu tun. Rot-Grün wollte mit der Modernisierung des Staatsbürgerschaftsrechts im Jahr 2000 im Gegenteil erreichen, dass hier geborene Kinder von Einwanderern (auch) als Deutsche aufwachsen. Das ist und bleibt richtig und hat sich bewährt. Auf Drängen der SPD hat die große Koalition 2014 die von der Union erzwungene Optionspflicht abgeschafft, die die Jugendlichen bis dahin zwang, sich mit spätestens 23 Jahren für eine Staatsbürgerschaft zu entscheiden. Auch das sollte es ihnen leichter machen, sich hier dauerhaft heimisch und als Deutsche zu empfinden.

Die Loyalität entsteht im Herzen

Die Integrationshoffnungen waren sicher übertrieben. Aber nicht die doppelte Staatsbürgerschaft führt zu einer gespaltenen oder fehlenden Staatsloyalität – die entsteht, wenn, in den Köpfen und Herzen. Ohnehin ist es in der heutigen Zeit, da viele Menschen im Lauf ihres Lebens in verschiedenen Ländern leben, eine antiquierte Vorstellung, dass es nur ein "Heimatland" geben kann. Erst recht in Deutschland, das sich als Teil der Europäischen Union betrachtet und den Nationalismus in anderen EU-Staaten ebenso wie in der Türkei vehement ablehnt.

Dass Kinder und Enkel von Migranten sich auch der Heimat ihrer Eltern oder Großeltern verbunden fühlen, obwohl sie die kaum kennen, ist ganz normal. Das gilt für Abkömmlinge von Deutschen, die auswandern, genauso. Der zweifache Pass kann ein Ausdruck davon sein. Aufgabe der deutschen Politik und Gesellschaft ist es, dafür zu werben, dass die jungen Neubürger die Vorzüge eines liberalen, demokratischen Rechtsstaates schätzen lernen, zum Beispiel in der Schule. Dann werden sie sich hoffentlich irgendwann im Herzen für Deutschland und gegen eine diktatorische Türkei entscheiden.

Wahlrecht bei Kommunalwahlen

Erzwingen lässt sich das Bekenntnis zur neuen Heimat nicht. Auch nicht, indem man, wie Röttgen fordert, die Optionspflicht wieder einführt.

Kräftig werben sollte die deutsche Politik auch dafür, dass sich mehr Türken einbürgern lassen. Seit Jahren sind die Zahlen rückläufig. Das sollte zu denken geben. Weniger als ein Fünftel davon behält übrigens daneben einen türkischen Pass. Das zeigt, dass es doch eine Menge gibt, die sich klar für ein Land entscheiden.

Und die Politik könnte noch ein Zeichen setzen: Indem sie Türken, ebenso wie anderen Migranten, bei Kommunalwahlen das Wahlrecht gibt, so wie es auch andere EU-Staaten tun. Dann müssten sie nicht mehr zum türkischen Konsulat gehen, wenn sie wählen wollen, sondern könnten hier demokratische Rechte genießen. Und sie würden sich vielleicht auch stärker in den Kommunen engagieren, in denen sie leben, statt für ein Referendum, das mit ihrem eigenen Leben nichts zu tun hat.