Ökologie also. "Umwelt im Kopf", erster Punkt im Programmentwurf der Grünen für die Bundestagswahl. Darin: Natur, Lebensmittelsicherheit, Klimaschutz. Grüne Wirtschaft, Grüne Energie. Grüne Mobilität. Grün, Grün, Grün, unter der Losung, angelehnt an Nenas Achtziger-Jahre-Schlager, "Zukunft wird aus Mut gemacht".

Richtung Zukunft geht es für Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt auf dem Elektromotor. Spätestens 2030 soll der letzte Verbrennungsmotor in Deutschland vom Band gehen. Erst mal mutig, Özdemirs Wahlkreis ist Stuttgart, Heimat von Daimler und Porsche. Seit Monaten hört man bei seinen Wahlkampfauftritten von der "Vereinbarkeit von Ökonomie und Ökologie".

"Keiner macht uns darin was vor", sagt Özdemir bei der Vorstellung des Programmentwurfs in Berlin. Also wird neben Benzin und Diesel gleich noch das Glyphosat beerdigt, das Kohlekraftwerk, der Atomreaktor und der Tierversuch. Ausgetauscht durch bundesweit gültige ÖPNV-Pässe, Lebensmittelkennzeichnungen, erneuerbare Energien. Und am Ende jeden Jahres soll dann ein Wohlstandsbericht mit neuen Maßstäben erstellt werden, nicht nur ökonomische Erfolge zählen, sondern, gleichberechtigt daneben, soziale und ökologische.

Das ist richtig so. Und gut. Wer nach der "Kernkompetenz Ökologie" ein bisschen weiterliest, nickt, merkt, die Grünen wissen, wovon sie reden, und irgendwann stutzt man dann und denkt: Da fehlt doch was.

In den Unterpunkten, in denen es um Außenpolitik, Migration, Europa und Weltoffenheit geht, da wird es vage. Dort wird der Welthandel "fair gestaltet", werden Fluchtursachen "beseitigt", Flüchtlinge "geschützt". Irgendwie soll ein Europäischer "Green New Deal" kommen. Irgendwo sollen sichere Fluchtwege geschaffen werden. Irgendwann sollen bessere Freihandelsabkommen geschlossen werden.

Solche Themen sind heute mehr als politische Wohlfühldeko. Selten waren sie so wichtig. Verantwortung gegenüber der Welt, Bedrohung von Menschenrechten, die Zukunft Europas: Zerfall oder Integration. Grundlegende – und urgrüne – Themen, behandelt wie Wahlkampfgift. Aber wieso eigentlich? Die SPD macht auf Gerechtigkeit, die Linke übt ihren Protektionismus, die CDU … ja, was eigentlich? Die Grünen, eine der ersten Parteien, die bisher überhaupt ein Programm vorgestellt haben, könnten Offenheit gegenüber Europa besetzen, Solidarität mit Flüchtlingen, Toleranz gegenüber Andersmeinenden. Sie reden aber, stattdessen, vom Wetter.

Wie schon 1990: Die Grünen reden übers Wetter

Vor 27 Jahren, im Wendejahr, machten die Grünen erstmals einen Bundestagswahlkampf mit Ökothemen, warben mit dem Leitspruch: "Alle sprechen über Deutschland, wir reden vom Wetter." Das ging schief. Und blieb doch Muster: Wenn sie sich thematisch uneins sind, greifen sie zur Ökologie. Diesmal hätten sie sich mehr trauen können. Nach dem misslungenen Steuerwahlkampf 2013 könnten die Grünen zurück zu ihren Wurzeln finden. Das hätte aber auch der zweite Gründungsmythos sein können: die Weltoffenheit, für Integration, gegen Abschottung.

Natürlich sind die Grünen nicht gegen Offenheit. Und natürlich findet sich das auch im Programm. Leider aber nicht, wie man es in solchen Zeiten vermuten würde, zumindest um ein Zeichen zu setzen, an erster Stelle. Es findet sich nicht als Priorität, wie man es den Reden der Spitzenkandidaten entnehmen kann. Und eben auch nicht, wie erwähnt, mit der gebührlichen Sorgfalt und Präzision, mit der man etwas behandelt, das einem wichtig ist.

Das merkt man, wenn man den Abschnitt zur Ökologie liest. Der ist klar, stark und konkret. Ebenso bei den Bürgerrechten, von Verbraucherschutz bis Gleichberechtigung. Und auch der letzte Punkt, soziale Gerechtigkeit, von der Bankenregulierung bis zum bezahlbaren Wohnraum, ist ausführlich argumentiert. Wieso also tun sich die Grünen so schwer, klare Aussagen über die eigene Weltoffenheit zu machen?

Die Grünen sind die Anti-AfD

Der Grund ist klar: Die Grünen sind zwar die Anti-AfD, keine Partei verliert so wenige Wähler an die Rechtsextremen. Doch die Haltung, bedingungslos für Toleranz und Weltoffenheit zu stehen, haben die Grünen mit dem Schwarz-Grün-Schwenk in den letzten Monaten sorgsam aus ihrem Markenkern rausoperiert. Man solle es "mit der Political Correctness nicht übertreiben", hatte der baden-württembergische Chefgrüne Winfried Kretschmann auf dem Parteitag in Münster gesagt. Jetzt wieder die alten Prinzipien voranzustellen wäre schwierig, aber möglich. Nur gewollt ist es nicht. Weil sich die Grünen nicht drauf einigen können, was richtig und was falsch ist.

Özdemir sagt, er sei stolz auf die grünen Landesregierungen. Doch gerade die erfolgreichste von ihnen ist es, die testet, wie weit sich die Grünen von ihrem Gründungsgedanken entfernen können. Am Tag der Programmpräsentation hat Kretschmann wieder einen Alleingang nach rechts unternommen. Er ist weiter für die Einstufung der Maghreb-Staaten als sichere Herkunftsländer. Obwohl sich die Grünen im Bundesrat auf das Nein geeinigt hatten. Symbolpolitik, vielleicht sogar Seehoferei. Und das nicht zum ersten Mal.

Kretschmann ist nun leider nicht irgendein Grüner. Sondern einer der mächtigsten. Özdemir ist Vertreter seines Flügels und Landesverbands. Und so heißt es nicht mehr "Refugees Welcome", sondern "sichere Fluchtwege" und "schneller Abschieben". Da gibt es Lob für die Polizei in der Silvesternacht, Kritik für die eigene Vorsitzende, die Zweifel äußert. Dann heißt das nicht mehr Toleranz, sondern "Toleranz mit gemeinsamen Spielregeln", wie Özdemir das nennt.

Das Grünen-Programm ist ein Programm, auf das sich die Grünen einigen konnten. Das klingt wie eine Tautologie. In der steckt aber was: Wenn Ökologie der Konsens, alles andere Verhandlungsmasse ist, kann man auch die ÖDP wählen. Die Grünen stehen für mehr als das. Und erheben auch diesen Anspruch. Ist die Zukunft wirklich aus Mut gemacht, ist die Zeit auch reif für ein wenig Beherztheit. Auch, wenn es nicht allen passt.