Dass Parteien im Wahlkampf geschlossen auftreten wollen, das ist normal. Aber die Art und Weise, wie sich die AfD an diesem Wochenende in Köln gegen eine Strategiediskussion entschieden und ihre Vorsitzende Frauke Petry an den Rand gedrängt hat, ist doch besonders.

In der AfD ist Einigkeit nicht nur eine taktische Notwendigkeit vor Wahlen. Einigkeit ist der kategorische Imperativ dieser sich ständig radikalisierenden Partei, deren Mehrheit jeden lauten internen Widerspruch als Verrat an ihrer historischen Mission deutet.

Die beiden stärksten Figuren dieser Partei, Jörg Meuthen und Alexander Gauland, machten das unmissverständlich klar. Gauland, als er die neben ihm sitzende Petry maßregelte, es sollten "nach diesem Parteitag von heute an alle weiteren Auseinandersetzungen in dieser Partei aufhören". Und Meuthen, der an die "zornige Entschlossenheit" der "für ihre Sache glühenden" Mitglieder appellierte, sie müssten nun aus Bürgerpflicht Deutschland für die eigenen Kinder "zurückerobern".

Wer es wagt, diesen Kurs infrage zu stellen, versündigt sich also an der dringenden Rettung des Landes. Diese Logik sorgt dafür, dass die Radikaleren in der Partei immer gewinnen. Denn wenn die anderen "da draußen" doch gerade dabei sind, Deutschland in den Untergang zu führen, sieht jede Mäßigung und Kompromissbereitschaft nur nach Zögerlichkeit aus – schlimmer noch: wie Anbiederung an die Vernichter.

Das ist einer der Gründe, warum in der AfD bisher jeder wichtige Konflikt mit einem Sieg der jeweils Radikaleren endete. Inhaltlich verschiedene Flügel hat die AfD deshalb schon längst nicht mehr. Nach der Rede Meuthens, der eine baldige muslimische Dominanz in Deutschland zur "mathematischen Gewissheit" erklärte, ist hoffentlich auch den letzten klar, dass an dem Gerücht, dieser Mann sei irgendwie liberal, nur weil er einen Professorentitel hat, nichts dran ist. Ebenso wenig wie die zweite Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl, Alice Weidel, irgendwie moderat wäre, weil sie jung und lesbisch ist.

Petry bleibt Vorsitzende

Merkwürdig scheint auf den ersten Blick, dass Frauke Petry nach ihrer Niederlage überhaupt noch Vorsitzende ist. In jeder anderen Partei müsste sie zurücktreten. In der AfD gelten auch diese Gesetzmäßigkeiten nicht. Die Partei lässt sich inhaltlich sowieso nicht führen, sondern ist eine Ansammlung mehr oder weniger lauter Einzelkämpfer. Da kann Petry formal auch an der Spitze bleiben. Sie nutzt ihnen ja noch im Wahlkampf. Weil sie sehr bekannt ist und die AfD anschlussfähig macht an jene Wähler, die sich für bürgerlich halten.

Auch eine andere Regel gilt für die AfD nicht. Bei anderen Parteien haben Partei- und Wahlprogramme die Funktion, alle auf eine gemeinsame Linie zu verpflichten. In der AfD aber lässt sich niemand auf irgendwas verpflichten. Hier gilt das als Gängelung. Wenn Björn Höcke oder sonst jemand in den kommenden Tagen mal wieder ein Tabu bricht, wenn das nächste krasse Zitat kommt, wird das Programm wieder Nebensache sein. Denn, das hat die Parteieminenz Gauland zum Parteitagsende erneut festgestellt: Alles, was nicht verboten ist, ist Teil der AfD.

Die beschworene Einigkeit heißt bei der AfD also: keine Kompromisse, keine Hemmungen. So werden weiterhin die Lautesten und Radikalsten die Partei antreiben. Das ist es, was Petry verhindern wollte. Ihre Niederlage ist ein Sieg der mächtigen Radikalisierungslogik, die die AfD von Anfang an bestimmt hat.