Die Spinner da drüben – Seite 1

Nach dem Warum muss man die Menschen an diesem Protestsamstag in Köln gar nicht fragen. Es ist ja klar, warum sie im Morgengrauen und Nieselregen Richtung Heumarkt laufen. Sie sind hier, weil sie gegen die AfD sind. Vielleicht ist die bessere, schwierigere Frage: Wozu? Was genau wollen sie erreichen?

Sie sei hier, um "ein starkes Zeichen setzen", sagt Petra Stollenwerk. Die 54 Jahre alte Kölnerin, rote Haare und schwarze Regenjacke, steht morgens an einer Straßenecke wenige Meter vom Maritim Hotel, in dem gleich der Parteitag der AfD beginnen soll. Vielleicht hundert Protestierende haben sich hier gesammelt, Stollenwerk und ihr Begleiter gehören zu den Ältesten. Polizisten in schwerer Montur und eine kleine Reiterstaffel bewachen sie. Und immer, wenn Menschen vorbeikommen, die in den Augen der Protestierer nach AfD aussehen, stürmt die Menge auf sie zu. "Nazischweine!" schreien sie, und Stollenwerk ruft einem auf dem Weg zum Maritim hinterher: "Ihr kriegt hier einen Spießrutenlauf!" Dann gehen die Reiter dazwischen. "Total aggressiv", findet Stollenwerk.

4.000 Polizisten hat der Kölner Polizeipräsident im Einsatz, die Veranstalter hatten mehr als 50.000 Teilnehmern angekündigt. Köln erlebt an diesem Samstag die wahrscheinlich größten Proteste, die es in Deutschland je gegen einen Parteitag gegeben hat. Über dem Tagungsort gilt ein Flugverbot, auch das ist eine Premiere, und den ganzen Tag über steht die Deutzer Brücke, die direkt neben dem Hotel über den Rhein führt, voll mit Einsatzwagen der Polizei.

"Das ist wie Bürgerkrieg"

Köln ist heute die Bühne für alles Mögliche: Für Konzerte, Karnevalsgruppen, Parteien, eine wahlkämpfende Ministerpräsidentin, Feministinnen, für Familien mit Luftballons, für Menschen wie Petra Stollenwerk, und auch für die jungen Straßenkämpfer vom schwarzen Block. Die Meinungsverschiedenheiten darüber, was von den Protesten zu halten sei, beginnen schon mit der Frage, ob all die verschiedenen Gruppen füreinander verantwortlich sind. Ob also beispielsweise Ministerpräsidentin Hannelore Kraft etwas dafür kann, wenn am Rheinufer Vermummte Steine auf die Straße tragen und die Zufahrt zum Tagungshotel blockieren. So sieht das Beatrix von Storch. Das twittergewaltige AfD-Vorstandsmitglied erklärt alle, die heute protestieren, zu "Kollaborateuren"  von Linksextremen.

Ähnliches ist auf dem Vorplatz des Tagungshotels zu hören. Die Polizei hat die Absperrungen so weiträumig gezogen und so viele Beamte und Fahrzeuge aufgefahren, so dass ihr Hotel für die Delegierten eine Festung ist. Eine Direktkandidatin aus Baden-Württemberg erzählt, sie habe wegen der Proteste nur auf Umwegen hierher gefunden. "Das ist wie Bürgerkrieg." Und der Berliner Andreas Wild sagt: "Man wird von der Antifa angegriffen und die Polizei tut nichts." Für ihn sind das "Nazi-Methoden. So hat schon die SA Leute eingeschüchtert."

Manche Teilnehmer des Parteitags klagen blumig über die Proteste. Auch im Tagungssaal, durch den man nur durch eine Sicherheitskontrolle gelangt. Ein Redner beschwert sich, man habe sich "wie Diebe in der Nacht oder wie Indianer auf dem Kriegspfad hier hineinschleichen" müssen. Der Spitzenkandidat in Schleswig-Holstein fragt, in Anspielung auf die Zustände in der Weimarer Republik: "Ist das noch Köln oder ist das schon Weimar?" Zumindest auf Nachfrage differenzieren viele zwischen friedlichen Protesten und den Blockadeversuchen, die sie für illegitim halten.

Doch Bürgerkrieg? Zwei leicht verletzte Polizisten meldet ein Sprecher, ansonsten vor allem "Laufspiele" mit den Blockierern am frühen Morgen.

Das, was AfD-Mann Wild für die neue SA hält, steht etwas südlich des Veranstaltungsorts am Rhein und blockiert eine breite Straße. Hundert Menschen vielleicht, als Block eingehüllt in Transparente, auf denen eine pinkfarbene Axt ein Hakenkreuz zerschlägt und die Rote Karte für die AfD gefordert wird. Sie besingen "die sozialistische Weltrepublik". Auf der Straße liegen einige große Steine, die sie aus der Böschung geholt haben, weswegen jetzt Polizisten auch die Böschung bewachen.

"Das ist ziviler Widerstand"

Hat nicht auch die AfD ein Recht darauf, sich zu versammeln, ohne dabei blockiert zu werden? Schließlich ist sie ja nicht verboten. Ja, sagt Petra Stollenwerk an der Absperrung zum Hotel, "aber Blockaden sind nicht illegal, das ist ziviler Widerstand." Davon sollten sich auch die bürgerlicheren Protestler nicht distanzieren, findet ihr Gefährte: "Das ist ja auch eine Krankheit. Ich distanziere mich von gar nichts." Um dann doch nachzuschieben: "Natürlich ist Gewalt eine Grenze." Kann es sein, dass die Proteste der AfD helfen, sich als Märtyrer darzustellen, dass sie die Erzählung stärken, diese Partei werde unterdrückt? "Das ist mir im Zweifelsfall egal", sagt Stollenwerk. Bringt ihr Protest der AfD vielleicht gar neue Wähler? "Ich hoffe nicht", sagt sie.

Das ist eine Antwort auf die Frage nach dem Wozu: Es geht nicht um Wahlen, nicht darum, die Zustimmung zur AfD klein zu halten. Sondern darum "Stellung zu beziehen", wie das später Ministerpräsidentin Hannelore Kraft auf einer der vielen Kundgebungen sagt. Hier stehen wir, und da steht die AfD.

Der Protest klärt die Fronten

Die Spinner da draußen, sagen die AfD-Delegierten im Hotel über die Demonstranten. Die Spinner da drinnen, sagen die Menschen auf dem Heumarkt und an den Blockaden über die Delegierten. Der Protest klärt, ein weiteres Mal, die Fronten. Und er klärt auch die Größenverhältnisse. An diesem Samstag demonstrieren in Köln mehr Menschen, als auf jeder AfD-Demo.

Auf dem Heumarkt, in Hörweite des Parteitag-Hotels, drängen sich am Mittag Tausende. Das Protestprogramm ist so dicht, dass sich die verschiedenen Gruppen und Kundgebungen abwechseln müssen. Als alle Mitglieder des Protestbündnisses vorgetragen werden, es sind über 70, dauert das viele Minuten.

Am einen Ende des Platzes spielt der Protest-Pianist Davide Martello, direkt daneben hüpfen Menschen in bunten Kostümen zu elektronischer Musik. Und auf der großen Bühne geben sich Pfarrer, Landespolitiker und der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir das Mikro in die Hand. Die Musik und die Reden vermischen sich zu einer wirren, engagiert klingenden Geräuschkulisse. Am Nachmittag spielen im nahen Grüngürtel noch die ewigen kölschen Bands, moderiert von der Kölner Fernsehfrau Bettina Böttinger. Der Protest wird zur Party.

Die AfD hatte eine Bühne

Weil es ruhiger bleibt als befürchtet, beschweren sich schon bald die ersten Händler in der Innenstadt. Sie beklagen "Panikmache" im Vorfeld und "übertriebene Sicherheitsvorkehrungen". Weil die Polizei vor Gewalt gewarnt hatte, hatten viele ihre Geschäfte nicht geöffnet.

An einer Säule der Deutzer Brücke, unten an der Rheinpromenade, hat jemand einen Spruch gesprüht: "Den Rechten keine Bühne geben!" Doch die AfD hatte an diesem Tag ihre Bühne, ihr Parteitag fand statt, und der Protest dürfte die Aufmerksamkeit nicht verringert haben. Aber die AfD-Gegner hatten auch ihre Bühne: den großen Rest der Stadt.

Mitarbeit: Tilman Steffen