Am Ende wird es in Köln emotional. Die AfD hat ihr Wahlkampfteam für den Bundestagswahlkampf bestimmt. Es sind Alexander Gauland aus Brandenburg und Alice Weidel aus Baden-Württemberg. Aber eben nicht Frauke Petry.

Die Delegierten jubeln, als das Abstimmungsergebnis auf der Leinwand erscheint. Das Podium erhebt sich, die Parteispitze applaudiert, gratuliert. Schulter an Schulter lassen sich Weidel und Gauland bejubeln. Nur Petry redet im Sitzen mit ihrem Bundesvorstandskollegen Dirk Driesang, der vom anderen Ende des Podiums herübergekommen ist.

67 Prozent Zustimmung. Gauland lächelt entspannt, Weidels Gesichtsausdruck ist schwer zu deuten. Als nach Weidel auch Gauland die Wahl annimmt, kommen "Gauland"-Rufe aus dem Publikum. Er quittiert sie stehend mit leichtem Kopfnicken. Das Ergebnis hätte schlechter ausfallen können, wird er später sagen.

Dann wird der Burgfriede manifestiert, wie er in Parteien oft geschlossen wird – bis zum nächsten offenen Konflikt. Am Rednerpult wendet sich Gauland an Petry. "Wir brauchen Sie in der Partei", sagt er. Eine verbale Verneigung vor der Bundesvorsitzenden, die kurz vor dem Parteitag auf eine Spitzenkandidatur verzichtet hatte. Und die mit ihrem Antrag scheiterte, die Partei möge sich in Köln klar zwischen Realpolitik und Fundamentalopposition entscheiden. Der Saal jubelt. Petry rutscht auf ihrem Stuhl, blickt zu Gauland hoch – ihrem innerparteilichen Gegner, der in der Bundespartei den rechten Flügel anführt und sich mit dem Thüringer Nationalisten Björn Höcke trifft. Gauland redet und Petrys Gesichtsausdruck gleitet vom Lächeln ins Bemühte, gemischt mit einem Hauch Skepsis und wieder zurück zum Lächeln.

Die Diskussion um ein Spitzenteam für den Wahlkampf beschäftigte die Partei seit Monaten. Von völligem Verzicht darauf (wie ihn Bundesvorstand Albrecht Glaser ins Spiel brachte) bis zu einer vielköpfigen Gruppe reichten die Vorschläge, die im Laufe des Delegiertentreffens teils hoch emotional vorgetragen wurden. Mit Petrys Verzicht war der Kandidatenkreis überschaubar geworden. Neben Weidel war bis kurz vor der Abstimmung auch die Berliner Spitzenkandidatin Beatrix von Storch im Gespräch. Viele glaubten an ein Trio. Die Wahl dauerte dann nur eine halbe Stunde.

Als zu Beginn der Wahl Gauland sich für ein Spitzenteam mit Weidel bereiterklärte, trat von Storch zu ihm ans Rednerpult. Kurz sah es so aus, als wolle auch sie sich zur Wahl stellen. Doch Gauland ergänzte dann lediglich, dass er nur mit Weidel gemeinsam antrete, also keinesfalls allein. Gauland ist mitunter vergesslich.

Der 76-Jährige weiß eigentlich, wie man Mehrheiten organisiert, wann man bei Parteitagen an die Bühnenkante tritt und wann man besser sitzen bleibt. Er kennt sich aus mit den Aufmerksamkeitsspannen im Medienbetrieb. Der Jurist ist das politische Schwergewicht der AfD. Er bringt Erfahrung aus 40 Jahren CDU-Mitgliedschaft mit. Er arbeitete im Bundesumweltministerium und leitete bis 1991 vier Jahre die Hessische Staatskanzlei. Sein Chef war Ministerpräsident Walter Wallmann, einst der erste Bundesumweltminister Deutschlands. Mit Gründung der AfD wurde der einstige Freigeist zum Kopf einer rechtspopulistischen Partei, zum Aushängeschild deren nationalkonservativen Flügels. Und er wandelte sich zum Russland-Versteher – was im Osten Deutschlands gut ankommt. In Frankfurt an der Oder kandidiert er für den Bundestag.

Weidel ist auf den ersten Blick die ideale Ergänzung zu Gauland. Die Spitzenkandidatin der Südwest-AfD ist von den bisherigen parteiinternen Konflikten unbelastet. Weidel ist 38 Jahre alt, promovierte Volks- und Betriebswirtin, Jahrgangsbeste der Universität Bayreuth, Start-up-Beraterin. Sie spricht Mandarin und arbeitete sechs Jahre in China. Ein Land, von dem Deutschland viel lernen könne, wie sie sagt. Etwa bei der Grenzsicherung, worauf die Chinesen "größten Wert" legten. Weidels Maximen: Maß halten, keine Selbstbedienung an öffentlichen Geldern, nachhaltige Finanz- und Währungspolitik. Das verdeutlicht auch ein Hölderlin-Zitat auf ihrer Website: "Immerhin hat das den Staat zur Hölle gemacht, daß ihn der Mensch zu seinem Himmel machen wollte." Ihre Äußerungen zu all diesen Themen sind jedoch stets mit den AfD-typischen Breitseiten versehen gegen den "Planungssozialismus" der Europäischen Zentralbank, Kanzlerin Merkel oder anderer politischer Gegner.