Nils Altmieks: 2006 auf der Website der HDJ und 2016 als Redner der Identitären in Berlin © Screenshot HDJ-Website/apabiz/ENDSTATION RECHTS

Es gibt jedoch Fotos, die den Identitärenchef in der verbotenen neonazistischen Heimattreuen Deutschen Jugend zeigen. Damit konfrontiert, schwenkt Altmieks um. "Ich bin auf Fahrt und Lager mitgegangen", sagt er knapp. Ein Freund habe ihn zur HDJ eingeladen, ungefähr 17 Jahre alt sei er da gewesen. Zwei Lager habe er mitgemacht. Die HDJ habe damals noch "keine Netzpräsenz" gehabt. Deshalb sei ihm erst langsam klar geworden, dass die Gruppe versucht habe, antidemokratische und "dem Rassismus nahestehende" Ansichten zu verbreiten. Altmieks spricht jetzt gezirkelt: "Folglich war ich für die Betätigung dort in Fahrt- und Lagerleben nicht richtig aufgehoben." Er sei "kein aktives Mitglied" der HDJ geworden.

Dokumente aus jener Zeit lassen das fragwürdig erscheinen. Die Heimattreue Deutsche Jugend betrieb sehr wohl eine Website, darauf war Altmieks 2006 sogar selbst abgebildet. Das belegt ein Screenshot, den das Berliner Antifaschistische Pressearchiv und Bildungszentrum (apabiz) gespeichert hat. Auf dem Foto trägt Altmieks die HDJ-Kluft und hält eine Fahne des elitären Rassistenvereins in der Hand. Auch in einem HDJ-Kalender findet sich ein Foto des Teenagers: Altmieks wandert mit anderen Männern in uniformen, dunklen Oberteilen im Gleichschritt durch eine frühlingsgrüne Landschaft. "Wir marschieren mit festem Schritt voraus", steht darunter. So hieß ein Marschlied der Wehrmacht. Im Herbst 2005 enthielt das HDJ-Vereinsheft einen Erlebnisbericht über eine Fahrradtour der Einheit Hermannsland. Als Autor steht darunter: Nils. 

Ein Kalenderfoto der Heimattreuen Deutschen Jugend zeigt Nils Altmieks (2. v.l.) als Teenager bei einem Marsch mit anderen Rechtsextremen. © Screenshot HDJ-Kalender

Ähnlich wie die Identitären gab sich die HDJ nach außen harmlos: als Pfadfindergruppe, die Zeltlager und Wanderungen für Kinder und Jugendliche organisiert. Doch der Verein schuf eine abgeschottete, neonazistische Parallelwelt mit Fahnenappellen in Uniform, Treueschwüren und Kreuzworträtseln, die nach dem "Führer des letzten Deutschen Reichs" fragten oder nach einem "Verbrechen an den Deutschen 1945". Seit 2009 ist die HDJ verboten. Das Bundesverwaltungsgericht bescheinigte dem Verein eine "Wesensverwandtschaft" mit der Hitlerjugend.

Traditionelle Parolen oder Kennzeichen der Neonaziszene sind bei den Identitären unerwünscht. Sie vermarkten ihre Ideologie mit neuen Slogans und Symbolen. Das Lambda, ein schwarzer Winkel in einem Kreis auf gelbem Grund prangt als Erkennungszeichen auf Fahnen und Flyern. Auf bunten T-Shirts beschwören sie die Heimat und eine nicht näher definierte nationale Identität. Nicht jedem wird sofort klar, was Identitäre mit "Remigration", "Ethnopluralismus" oder "Großer Austausch" meinen. Sie suchen sich Schlachtrufe, die weniger eindeutig klingen als "Deutschland den Deutschen, Ausländer raus". Doch ihre Programmatik läuft genau darauf hinaus. Die Strategie hinter dieser Wortwahl legt ein interner Leitfaden offen: Die Kommunikation der Identitären solle "knapp an der Grenze bleiben", heißt es darin, man wolle so "den Rahmen des im Mainstream Sagbaren" langsam erweitern.

Verwirrspiele

So lässig die Identitären daher kommen wollen, ihr Führungszirkel agiert im Verborgenen. Die Öffentlichkeit soll nicht erfahren, wer genau dieser Führungsriege angehört. Nachfragen von ZEIT ONLINE bleiben unbeantwortet.

Seit der Vereinsgründung 2014 steht Altmieks als Vorsitzender im Register des Amtsgerichts. Zuweilen aber streut die Gruppe selbst Zweifel, ob das noch stimmt. Einen Tag nach dem Gespräch mit ZEIT ONLINE wird er auf der Facebookseite der Identitären als ehemaliger Bundesleiter bezeichnet. Darauf angesprochen versichert Altmieks am Telefon, das müsse ein Tippfehler sein. Wenig später verschwindet das Wort "ehemalig" aus dem Facebookeintrag. Glaubt man Altmieks, dann wurde im vergangenen September der Rostocker Politikstudent Daniel Fiß zum Vizechef der Identitären gewählt. Im Vereinsregister steht ein anderer Name.

Daniel Fiß trägt einen Stoppelhaarschnitt und eine graue Kapuzenjacke zur verwaschenen Jeans. Seine Wahl zum Co-Vorsitzenden sei "relativ unspektakulär" gewesen, behauptet er. Der Student ist 24 Jahre alt und offenbar schon in die Führungsclique der Organisation aufgestiegen. Genau wie für Altmieks sind die Identitären auch für Fiß nicht die erste politische Station. Der Rostocker war einst ebenfalls als Neonazi aktiv: Er trat für den NPD-Parteinachwuchs in rechtsextremen Werbevideos auf, wetterte gegen den "von den Demokraten verursachten Volkstod" und lief auf einer Demonstration hinter dem Banner der Nationalen Sozialisten Rostock her. Schon damals fiel Fiß als Wortführer auf. "Wir sind die letzte Generation", rief er 2013 während eines Auftritts für die NPD-Jugend in seiner Heimatstadt. Er gehe auf die Straße, "um dieses System zu überwinden". Das Motto der damaligen Kundgebung ähnelte frappierend den heutigen Parolen der Identitären. Eine lautet: "Uns eint das Schicksal, die letzte Generation zu sein, die das Ruder noch einmal herumreißen kann!"

Wortführer Daniel Fiß: 2013 für die NPD-Jugend in Rostock und 2016 für die Identitären in Berlin © [M] Screenshot Youtube/ENDSTATION RECHTS.

Fiß sagt, er habe mit seiner Vergangenheit gebrochen. "Ich habe Hannah Arendt und Mein Kampf parallel gelesen." So habe er verstanden: Der "krude Biologismus" der Neonazis sei ein Irrweg. Dass einflussreiche Identitären-Kader ebenfalls aus der Neonaziszene oder extrem rechten Burschenschaften kommen, scheint ihn nicht zu stören.

Der Student hat dazu beigetragen, dass Rostock als ein Zentrum der Identitären in Deutschland gilt. Im Herbst machte er Schlagzeilen mit der Nachricht, die Identitären wollten eigene Räume in der Rostocker Innenstadt eröffnen. Doch bisher gibt es keinen Vereinsraum, nicht einmal eine Szenekneipe, in der sich der Student mit Journalisten sehen lassen möchte.

Als Treffpunkt sucht Fiß stattdessen ein Fünfsternehotel an der Ostseepromenade in Warnemünde aus. Neuerdings, erzählt der Identitären-Kader in der Lobbybar des Spa-Hotels, verfüge seine Gruppe immerhin über eine Fläche im Rostocker Umland. Die Adresse will er jedoch nicht verraten. Wofür sie genutzt werden soll, steht angeblich auch nicht fest. Fragt man seinen Mitstreiter Altmieks nach diesen Räumen, sagt der, es gebe leider noch gar keine. So ist es mit vielem, was Identitären-Kader aus dem Inneren ihrer Organisation berichten: Es lässt sich kaum überprüfen.

Simulierte Masse

Hartnäckig vermarktet die Gruppe ihre Arbeit als etwas völlig Neues und setzt sich als breite politische Bewegung in Szene. Doch tatsächlich ist es mit den Identitären wie mit dem Scheinriesen Tur Tur aus dem Kinderbuch Jim Knopf: Je näher man ihnen kommt, desto mehr schrumpfen sie.

In Videos und Facebookpostings fallen immer wieder einige besonders aktive Identitäre auf. Ein kleiner Zirkel sehr mobiler Mitglieder reist kreuz und quer durchs Land, ist bei fast jeder größeren, öffentlichen Aktion dabei und erzeugt so den Eindruck, es sei etwas Bedeutsames im Gange. Für normale Beobachter erschließt sich nicht, dass oft dieselben Leute aktiv sind. Es sieht aus, als wäre eben eine "Bewegung" am Werk. 

Die Reisekader bilden wechselnde Protestteams, klettern auf prominente Bauwerke wie das Brandenburger Tor in Berlin oder den Balkon der Grünen-Parteizentrale, zünden Bengalfackeln, filmen das Spektakel. Meist bekommt zunächst kaum jemand etwas davon mit. Die Resonanz entsteht erst, wenn die Bilder unter Hashtags wie #DefendEurope oder #Reconquista im Internet vermarktet werden.

Da ist zum Beispiel Hannes K.. Er ist 27 Jahre alt und einer der reisenden Aktivisten. Der Student der Elektrotechnik aus Rostock war in den vergangenen zwölf Monaten bei mehr als einem Dutzend Aktionen dabei: in Hamburg, Schwerin, Greifswald, Rostock, Dresden und immer wieder in Berlin. Er stieg auf den Balkon der Grünen-Parteizentrale, setzte sich vor den Eingang zur CDU-Geschäftsstelle, demonstrierte vor der türkischen Botschaft und im Regierungsviertel. Außerdem kletterte K. mit elf anderen jungen Männern auf das Brandenburger Tor. Andere Aktivisten reisten aus Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hessen und Sachsen-Anhalt an.

Ein Selfie zeigt auch Friedrich Sch. auf dem Brandenburger Tor. Ein junger Mann mit Sonnenbrille, Kinnbart und tätowierten Armen. Der 25-jährige Student stammt aus Hamburg, auch er fährt für die Identitären durchs Land. Sch. protestierte in Schwerin und Ribnitz-Damgarten, Berlin und Wien. Genau wie Robert T., ein weiterer Aktivist mit Hipsterbart, der Architektur in Cottbus studiert. Nebenbei hat T. knapp ein Dutzend öffentlicher Auftritte in zwölf Monaten absolviert. Drei erfahrene Reisekader, die garantieren, dass die Aktionen reibungslos ablaufen.

Entwicklungshilfe aus Österreich

Die deutsche Identitären-Szene ist so klein, dass sie häufig sogar Unterstützung aus Österreich braucht. Als die Organisation im Dezember 2016 zur Sitzblockade vor der CDU-Zentrale in Berlin mobilisierte, reiste fast ein Drittel der knapp 50 Teilnehmer aus dem Nachbarland an, darunter mehrere Regionalleiter und der österreichische Vorsitzende Martin Sellner.

Wie ein Entwicklungshelfer kümmert sich der Wiener Identitären-Chef um den Ableger in Deutschland. Seine Videoauftritte haben den 28 Jahre Sellner in der rechten Szene zum Star gemacht. Mehr als 15.000 Menschen abonnieren seinen YouTube-Kanal. Pausenlos lädt er neue Bilder hoch. Eine gnadenlose Selbstvermarktung. Sellner sagt, er wolle damit am "Abbau des multikulturellen Meinungsdogmas" arbeiten. Seine Clips sollen "Bildwaffen gegen die Lügen von Multikulti" sein.