Interne Schulungsunterlagen und Kommunikationen belegen, welche Energie die Führung der Identitären auf eine professionelle Inszenierung verwendet. Sie plant Rhetoriktrainings für Funktionäre und legt Wert auf hochwertige Grafiken. In einem Leitfaden heißt es, das Bild einer Besetzung müsse "Macht, Kraft und Sieg symbolisieren". Gewünscht werden von unten nach oben aufgenommene Bilder von "Massen und Fahnen". Aktionen seien "nutzlos", wenn die Aufnahmen davon "nicht klar und von guter Qualität sind". Das Medienteam gilt intern als ebenso wichtig wie die kletternden Aktivisten.

Heimliche Helfer

Professionelle Fotografen und Kameraleute unterstützen die Organisation in Deutschland. Zum Beispiel Wiebke M.. Sie ist 27 Jahre alt, hat an einer Kunsthochschule studiert und fotografiert unter anderem für die Werbebranche. Neben Modelabels haben von ihrem Talent auch die Identitären profitiert. Wiebke M. hat Standards für die Bildgestaltung der rechtsextremen Gruppierung entwickelt und gehörte einer geschlossenen Facebookgruppe an, die IB D Film Organisation heißt, IB wie Identitäre Bewegung, D wie Deutschland. Die Fotografin und ein professioneller Kameramann zählten zu den heimlichen Helfern der Gruppe.

Auf Fragen von ZEIT ONLINE reagiert Wiebke M. nicht. Es wäre spannend zu erfahren, was Erlebnisse aus Wiebke M.s Kindheit mit ihrem Engagement für die Identitären zu tun haben. Fotos und interne Kommunikation legen nahe, dass Wiebke M. genau wie der Identitären-Chef Altmieks als Schülerin zu Lagern der Heimattreuen Deutschen Jugend fuhren. Ein früheres HDJ-Mitglied, das als Kind selbst an Freizeiten des Neonazivereins teilnahm, erinnert sich an sie.

Die Identitären haben noch weitere Mitstreiter aus dem HDJ-Milieu angelockt. Auch Friedrich Sch., einer der Reisekader der Organisation, kommt aus einer HDJ-Familie. In einem Onlineprofil schrieb Sch. als Gymnasiast unter Hobbys: Politischer Soldat. Obwohl er inzwischen bei diversen Protestaktionen öffentlich zu sehen war lehnt Sch. ein Gespräch ab. Am Telefon ist der Student kurz angebunden. Er will nichts zu seiner Aktivität bei den Identitären sagen.

Vorbild Frankreich

Bis heute dienen Strukturen und Aktionsformen der französischen Identitären als Schablone für die Ableger in Österreich und Deutschland. Einflussreiche deutsche Identitäre wie Nils Altmieks haben Trainingscamps in Frankreich durchlaufen, die sogenannten Sommeruniversitäten.

Samuel Bouron ©privat

Um die Identitären Bewegung zu verstehen, lohnt deshalb auch ein Blick nach Frankreich. Dort hat sich ein junger Soziologe schon 2010 zu Forschungszwecken in eine Pariser Regionalgruppe der Identitären eingeschleust. Heute ist Samuel Bouron 31 Jahre alt und lehrt an der Universität Dauphine in Paris. Ein drahtiger, lockerer Typ.

Die Identitären, erzählt Bouron, hätten ihn schnell akzeptiert, wohl auch, weil er in seiner Freizeit Thaiboxen trainierte. Gemeinsamer Kampfsport gehört stets zum Rahmenprogramm der Organisation. Demokratische Strukturen suchte der Student bei den Identitären vergeblich. Der französische Führungsclan habe aus vielleicht zehn Personen bestanden, schätzt Bouron. Er habe keine Frau getroffen, die eine Regionalgruppe leiten durfte. Bouron sieht die Organisation in einer "faschistischen Tradition", er hält sie für zweifelsfrei rechtsextrem.

Innovativ findet der Soziologe nur deren Kommunikationsstrategie. Die Identitären wollten niemals laienhaft erscheinen, sagt er: "Ihre symbolischen Aktionen sind gedacht als mediale Inszenierungen für Journalisten." Der Organisation gehe es vor allem um eins: Buzz zu erzeugen, also Aufmerksamkeit zu generieren.

Faszination der Gewalt

Bouron nahm auch an einem Trainingscamp der Identitären in der Bretagne teil. Der Soziologe war erschrocken, in welchen militärischen Drill politische Vorträge und Praxisworkshops für Aktivisten eingebettet waren: uniforme Kleidung, strenge Hierarchien, gemeinsames Box- und Selbstverteidigungstraining.

Identitären-Kader hingegen schwärmen von eben diesem militärischen Geist der Trainingslager. Für sie harmoniert auch Kampfsporttraining mit Zahnschutz im Mund mit der gewaltfreien Strategie, die sie propagieren.

Die Aktivisten sehen sich als Teil einer Schicksalsgemeinschaft, die es zu verteidigen gilt. Die Faszination für Gewalt, die allen extrem rechten Gruppen eigen ist, findet sich auch bei den Identitären. Sie verbreiten martialische Videos, in denen harte Jungs anderen über die Bäuche laufen. Eine Hamburger Gruppe lud zu Wehrsportübungen, deren Teilnehmer von einem ehemaligen Personenschützer Ronald Schills mit rechtsextremer Vergangenheit gedrillt wurden. Bernhard Weidinger, Rechtsextremismusforscher in Wien, warnt: Im selbstgeschaffenen Identitären-Mythos, die letzte Generation zu sein, die das eigene Volk noch retten könne, schlummere ein gefährliches Gewaltpotenzial.

Einflussreiche Förderer

Die Hauptstraße von Schnellroda in Sachsen-Anhalt führt am gelb gestrichenen Dorfgasthof vorbei. © Martín Steinhagen für ZEIT ONLINE

Die deutschen Identitären können auf einflussreiche Förderer setzen. Einer lebt in einem historischen Anwesen im Weiler Schnellroda südwestlich von Halle: Götz Kubitschek, 46 Jahre, neurechter Verleger aus Sachsen-Anhalt und eine graue Eminenz im Spektrum rechts der CDU.

Die Kubitscheks bewegen sich selbst in der unübersichtlichen völkisch-bündischen Szene, aus der auch die verbotene Heimattreue Deutsche Jugend stammte. Ihre Sympathien gelten allerdings einer anderen, moderater auftretenden Gruppe, die ebenfalls bei den Identitären vertreten ist. Einige bezeichnen sich als Wandervögel, andere verwenden den Pfadfindergruß "Horrido!" in YouTube-Videos und interner Kommunikation. Bei den wenigen Aktivistinnen sind Frisuren angesagt, wie sie Frauen in der völkisch-bündischen Szene häufig tragen: lange Haare, zu Zöpfen geflochten.

Götz Kubitschek hatte vor Jahren selbst schon einmal vergeblich versucht, eine neurechte Spaßguerilla aufzubauen. Heute unterstützt er die Identitären. Eine Tochter der Familie hat im Dezember gemeinsam mit Aktivisten aus Deutschland und Österreich die CDU-Zentrale blockiert. Auf eine Nachfrage dazu reagierte der Verleger nicht.

Um die deutschen Identitären zu stärken, entwarf Kubitschek eine zusätzliche Dachstruktur. Einprozent heißt der Verein, wird von AfD-Politikern unterstützt und geleitet von einem rechtsradikalen Burschenschafter. Die Organisation wirbt damit, den teuren "Rechtsschutz" für strafbare Protestaktionen der Identitären zu übernehmen. Identitären-Gruppen bewerben ihre "Kooperation" mit Einprozent. So knüpft Kubitschek das Netzwerk weiter. Ehemalige Neonazikader und völkische Familien, der rechte Flügel der AfD und besonders radikale Burschenschaften: Sie alle will Kubitschek zusammenführen.

Vermessene Selbstinszenierung

Regelmäßig trifft sich diese Mischszene während der "Akademien" seines "Institut für Staatspolitik" in Schnellroda. An einem verregneten Februarwochenende reisen auch Identitären-Kader von überall her in die Dorfgaststätte. Der Wiener Martin Sellner darf einen Vortrag halten, der Rostocker Daniel Fiß hört zu. Schnellroda, sagt Fiß während einer Zigarettenpause, sei für ihn ein "theoretisch-politisches Zentrum". Das klingt eine Nummer zu großspurig, so wie vieles, was mit den Identitären und Kubitschek zu tun hat. Der Kleinverleger gibt seinen Projekten gerne so staatstragende Namen, dass man ihn für einen übergeschnappten Dorffürsten halten könnte. Doch bei Kubitschek laufen viele Fäden zusammen. Inzwischen hat er sich über die deutschen Grenzen hinaus bekannt gemacht.

Im vergangenen Herbst durfte der Verleger in Linz auf dem Kongress Verteidiger Europas reden, wie der Generalsekretär der FPÖ. Während Kubitschek in den prunkvollen, spätbarocken Linzer Redoutensälen über den "angeblichen Flüchtling" und vom Liberalismus glatt geschliffene Menschen herzog, präsentierte sein Verlag seine Bücher im Foyer. Auch die Identitären vermarkteten ihre bunten T-Shirts, ein Verlag legte Militärzeitschriften über Waffensysteme der deutschen Wehrmacht aus und es gab Werke des deutschnationalen Malers Odin Wiesinger zu sehen. Österreich sei ein "Tal der Glückseligen", schwärmte Kubitschek. "Man kann hier Dinge tun, die im öffentlichen Raum in Deutschland unmöglich geworden sind."

Genau das wollen sie ändern, der bestens vernetzte Verleger aus Schnellroda, der HDJ-erfahrene Bauingenieur Nils Altmieks, der Politikstudent Daniel Fiß aus Rostock und ihre kaum sichtbaren Helfer im Hintergrund. Sie sind wenige und vielfältig in die rechte Szene verstrickt. Aber ihre Selbstinszenierung wirkt.

Mitarbeit: Felix Krebs, Daniel Müller

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