Sokrates, Platon, Aristotoles: Immer ging es darum, die Res Publica, die Dinge von öffentlichem Belang, gemeinsam zu regeln. "Demokratie ist doch mehr als nur das Wahlverhalten", sagt Guérot. Das, was Brennan als Voreingenommenheit aus der Politik raushalten wolle, "ist eigentlich der Kern von Politik selbst". Es gibt nicht die eine Wahrheit, sondern verschiedene Urteile und Wahrheiten, die im politischen Prozess verhandelt werden müssen.

Davon will Brennan wenig wissen. Er tut so, als gäbe es ein vernünftiges Spektrum politischer Entscheidungen, und daneben die dummen Vorstellungen der Voreingenommenen. Sein simples Rezept: Gute Informationen plus gründliches Denken ergeben die richtige Politik. "Demokratie ist dabei nur ein Werkzeug, und kein besonders gutes", sagt Brennan. Deshalb alle Macht den Profis. Brennan bringt folgenden Vergleich: "Wir sagen Chirurgen doch auch nicht: Egal was du über Anatomie weißt, schneide mich auf. Aber Wählern sagen wir: Ist doch egal was du weißt, geh wählen."

Demokratie ist keine Chirurgie

Der Unterschied ist allerdings, dass uninformierte Chirurgen ihre Patienten im Zweifelsfall töten, was objektiv schlecht ist. In der Politik aber gibt es keinen Maßstab dafür, was objektiv schlecht ist, weil es keine Objektivität gibt. Das Ziel aller Chirurgen ist es, Menschenleben zu retten. Aber was ist das Ziel aller Wähler? Weniger Steuern zu zahlen? Den Armen zu helfen? Das Klima zu retten? Die Nation zu schützen? Politik besteht aus Konflikten zwischen Zielen und Werten, die sich nicht nach mehr oder weniger vernünftig ordnen lassen. Das hat wenig zu tun mit Brennans Traum von einer mechanistischen Ingenieurspolitik, in der es für jedes Problem eine bestmögliche Lösung gibt, die nur gefunden werden muss.

Es ist mit ihm darum ähnlich wie zuvor schon mit David von Reybrouck. Der belgische Autor hatte viel Aufmerksamkeit für seine Forderung erhalten, die Wahlen abzuschaffen. Stattdessen sollten die Repräsentanten ausgelost werden. Van Reybroucks Idee war zwar im Vergleich zu Brennans noch harmlos und stützte sich auf eine solide politikwissenschaftliche Tradition, historische und aktuelle Beispiele. Aber auch sie lebte vom Tabubruch. Diese radikalen Fantasien helfen, den Blick zu befreien. Darauf, was am Status quo ja tatsächlich alles mangelhaft ist. Und darauf, was genau eigentlich das Fundament der Demokratie ist, das es zu verteidigen gilt.

Am Ende waren es übrigens auch die von Brennan geschmähten Hobbits, die Mittelerde retteten. Nicht etwa weil sie Vulkanier wurden. Sondern weil sie sich mit anderen verbündeten. Die Unbedarften, die Heißblütigen und die Weisen fanden zusammen und entschieden sich für einen gemeinsamen Weg. Man kann das für eine treffende Illustration politisch vernünftigen Handelns halten. Wer kein Fan von Tolkien ist, kann es aber auch mit Kant halten, den zum Ende des Abends Ulrike Guérot zitiert: Vernunft ist durch das Herz gebrochener Verstand.