"Politik ist wie ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich", lautet der berühmte Satz des großen Soziologen Max Weber. Wie wahr er ist, zeigt sich seit geraumer Zeit wieder, wo die SPD und ihr Vorsitzender Martin Schulz dabei sind, systematisch ihre zu Jahresbeginn entfachten Hoffnungen auf einen Wechsel im Kanzleramt wieder zu vernichten. Oder wie es FDP-Vize Wolfgang Kubicki vor der Wahl in Schleswig-Holstein plakatierte: "Wollen allein reicht nicht. Man muss es auch können."

Martin Schulz macht den Eindruck: Er will zwar sehr, aber er kann es offensichtlich nicht so richtig, bislang jedenfalls. Und er ist damit nicht allein. Donald Trump, der nicht die Rettung der Welt, der SPD oder der Demokratie versprach, aber immerhin die der USA, stellt jeden Tag aufs Neue unter Beweis, dass er nur zerstören kann. Jetzt versucht er es beim Klimaschutz.

Emmanuel Macron, der neue französische Präsident, auf dem die Hoffnungen ganz Europas ruhen, kann bei den Parlamentswahlen am kommenden Sonntag beweisen, ob er es besser kann: ein Land zu einen und mit seiner neuen politischen Bewegung und einer Abgeordnetenmehrheit oder einer Koalition zu einem neuen Aufbruch zu führen.

Überall sehnen sich Menschen nach neuen politischen Gesichtern. Sie haben die etablierten Politiker satt, die angeblich immer nur an sich selbst denken, die aus ihrer Sicht fast alle die gleiche Politik betreiben und ihre jeweiligen Länder zugrunde richten, indem sie sie wahlweise an die globalisierte Wirtschaft, kulturfremde Migranten oder Eurokraten verraten, wie von den Unzufriedenen und Wutbürgern beklagt wird.

Die von falschen Volksfreunden noch geschürte Hoffnung auf starke, unverbrauchte Gestalter, die den Karren endlich aus dem politischen Modder ziehen, hat ganz unterschiedliche Figuren nach oben und zum Teil auch schon wieder nach unten gebracht: Trump in den USA, Matteo Renzi, den großen "Verschrotter" und gescheiterten jungen Reformator in Italien, den ebenfalls jungen Macron in Frankreich, den noch jüngeren Sebastian Kurz in Österreich. Und in Deutschland, für sehr begrenzte Zeit, eben Martin Schulz.

Die Neuen eint, dass sie (scheinbar) nicht zur verhassten, abgenutzten Elite gehören. Dass sie anders auftreten als all die geschmeidigen Staatslenker, die einem ständig in den Nachrichten begegnen. Und dass sich die trügerische Sehnsucht nach zupackenden, kompromisslosen, von Parteikämpfen freien Politikern deshalb so leicht auf sie projizieren lässt.

Sehnsucht nach dem Anti-Merkel

Die Antiestablishmentpolitiker sollen in einer turbulenten Zeit, in der alles auseinanderzufallen scheint, Nationen wieder einen, Gerechtigkeit und Jobs schaffen, die Globalisierung bannen oder zumindest eindämmen, die Einwanderungsprobleme lösen. Am besten alles zugleich. Und zwar sofort.

Natürlich schaffen sie das nicht, wie Trump seit Amtsbeginn zeigt und wie es bei ihm schon vorher eigentlich klar war. Kein Politiker, ob jung oder alt, neu oder seit Langem etabliert, ist ein Messias. Keiner kann übers Wasser laufen. Auch Macron wird die Erfahrung machen, dass es für ihn leichter war, als parteiloser Novize französischer Präsident zu werden, als es zu sein. Zumindest ein besserer als seine beiden Vorgänger. Dem Senkrechtstarter Kurz im südlichen Nachbarland steht die Lektion ebenfalls noch bevor, wenn er es überhaupt ins Kanzleramt in Wien schafft.

Erstaunlich eigentlich, dass auch Martin Schulz zu Anfang ein solcher Sehnsuchtsmann zu sein schien. Denn er stürzte zu Jahresbeginn zwar plötzlich und mit Enthusiasmus aus Brüssel in die deutsche Innenpolitik. Aber er gehört schon lange zum politischen Betrieb: als europäischer Spitzenpolitiker und Mitglied der SPD-Führung. In der anfänglichen Bewunderung für den Mann aus Würselen, auch in den Medien, spiegelte sich wohl eher der Wunsch vieler Wähler und Journalisten nach einer personellen Alternative zur glanzlosen Dauerkanzlerin Angela Merkel als berechtigtes Zutrauen.