Wenn eine Partei personell derart ausgeblutet ist, dass sie alte Amtsträger recycelt und sie auf ihre ehemaligen Posten hievt, ist das eigentlich kein gutes Zeichen. Doch die Personalrochade bei der SPD lässt den Genossen wenige Optionen. Dass Hubertus Heil wieder SPD-Generalsekretär wird, war zwar nicht geplant, könnte aber ein Glücksfall sein für den in letzter Zeit unglücklichen Parteichef Martin Schulz.

Weil Manuela Schwesig vom Familienministerium in Berlin in die Staatskanzlei von Schwerin umzieht, wechselt die bisherige Generalsekretärin Katarina Barley aus dem Willy-Brandt-Haus auf Schwesigs Sessel. Als Barleys Nachfolger kehrt Hubertus Heil zurück. Der Niedersachse war schon zwischen 2005 und 2009 Chefstratege der SPD. Einfallslos ist die Wahl, womöglich war sie alternativlos.

Drei Aufgaben von Generalsekretären

Denn Generalsekretäre haben im Wesentlichen drei Aufgaben: Sie organisieren zunächst die Parteizentralen. Zweitens: Generalsekretäre müssen die Attacken reiten und Wadenbeißer sein; anders als die Parteichefs dürfen sie nicht allzu viel Rücksicht nehmen auf Koalitionsraison oder Befindlichkeiten. Es gilt, die Positionen der Parteichefs talkshowtauglich zuzuspitzen und proseminaranalytisch zu unterfüttern. Der Generalsekretär kommuniziert in die Öffentlichkeit und in die Partei hinein die reine Lehre aus der Chefetage. Und schließlich sind die Generäle damit betraut, Wahlkämpfe zu orchestrieren.

In allen drei Feldern bringt Heil Erfahrung mit, die Schulz bei seinem Traum vom Kanzleramt bislang schmerzlich abgingen. Doch das Willy-Brandt-Haus gilt als schwer regierbar, voller Intrigen, Eitelkeiten und Seilschaften. Eine "Schlangengrube" sei das, heißt es immer wieder. "Das Willy-Brandt-Haus hat noch keinem Glück gebracht", schrieb der Publizist Nils Minkmar über Peer Steinbrücks Pannen-Wahlkampf 2013.

Heil kennt diese SPD-Zentrale, er muss sich nicht lang einarbeiten. Vier Monate vor der Bundestagswahl wäre eine planlose Übergangsphase ein Desaster. Er gehört trotz seiner Jugend (45 Jahre gelten im Bundestag als jung) seit 1998 zum festen Inventar in der Fraktion. Er kennt jeden der SPD-Bundestagsabgeordneten und ist ihr stellvertretender Vorsitzender. Den bedingungslosen Rückhalt der Parlamentarier, die in ihren Wahlkreisen auf Marktplätzen Wahlkampf machen müssen, braucht Schulz, der nie ein Mandat im Bundestag innehatte.

Heil ist weder Mitglied der Parlamentarischen Linken noch des eher konservativen Seeheimer Kreises. Er gehört dem Netzwerk Berlin an, einer dritten sozialdemokratischen Spielart, die als moderat zwischen den Flügeln gilt.

Heils Plus: Kampagnenerfahrung und Demütigung

Doch das größte Plus dürfte Heils Erfahrung im Bundestagswahlkampf sein. Weder Barley noch Schulz-Intimus Markus Engels haben je eine vergleichbare Kampagne geleitet. Heil hat schon für Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier Wahlkampf gemacht. Wie sehr dem Team Schulz diese Kenntnisse fehlen, war in den vergangenen Wochen deutlich geworden.

Immer lauter murrten die Genossen nach Schulz' verstolpertem Start in den Wahlkampf, sodass sogar über eine Rückkehr von Gerhard Schröders Kampagnen-Guru Matthias Machnig spekuliert wurde. Erst ließ sich die Parteispitze von Hannelore Kraft überreden, sich nicht in den NRW-Wahlkampf einzumischen. Dann die Verwirrung um das Wahlprogramm: Das Willy-Brandt-Haus sagte zunächst eine Pressekonferenz ab, um dann doch kurzfristig Medienvertretern einen halbfertigen Entwurf vorzulegen. Und schließlich hatte auch noch jemand in der Hektik die falsche Überschrift auf den Titel des Programms gesetzt. Peinlich.

Ohne Barley öffentlich demontieren zu müssen (so wie Merkel ihren General Tauber, dem sie ihren Vertrauten Altmaier vor die Nase setzte), kann Schulz sein Team nun aufpolieren und gleichzeitig eine loyale Mitarbeiterin mit einem neuen Amt belohnen.

Heil musste 2009 sein Büro in der SPD-Zentrale räumen, nachdem die SPD mit 23 Prozent ein historisch desaströses Ergebnis einfuhr. Im besten Fall für die Genossen nimmt er die 23-Prozent-Kränkung noch immer persönlich. Und nutzt sie als Motivation, sich noch einmal zu beweisen. Denn nur erfolgreiche Generalsekretäre (Barley, Nahles, Dobrindt, Gröhe) dürfen irgendwann raus aus der Schlangengrube und rauf auf die Ministerbank.