Vor einigen Wochen im Wahlkampf in Schleswig-Holstein. Manuela Schwesig, Bundesfamilien- und -frauenministerin in Berlin und Vizevorsitzende sowie Hoffnungsträgerin der SPD aus dem benachbarten Mecklenburg-Vorpommern, ist gekommen, um ihren Parteifreund Torsten Albig zu unterstützen, der um seine Wiederwahl kämpft. Gemeinsam besuchen sie eine Ikea-Filiale. Es geht um die Vereinbarung von Familie und Beruf, eines der Lieblingsthemen von Schwesig und zugleich auch ihr sehr persönliches Thema als zweifache Mutter, die zwischen der Familie in Schwerin und dem politischen Betrieb in der Hauptstadt pendelt.

Geduldig lässt sich die Ministerin von den Ikea-Managern erläutern, was das schwedische Möbelhaus alles unternimmt, um Frauen und Familien zu fördern. Es gibt Homeoffice-Tage für Mütter und Väter, einen eigenen Familienservice und sehr flexible Arbeitszeiten. Vor allem aber: 64 Prozent der Mitarbeiter sind Frauen – und 63 Prozent der Führungskräfte. "Vorbildlich", wie Schwesig lobt, die seit Langem für eine höhere Frauenquote in den Führungsetagen der Wirtschaft kämpft.

Beim anschließenden Rundgang durch die Möbelhalle tauschen sich Schwesig und Albig angeregt darüber aus, welche Ikea-Möbel sie jeweils besitzen ("Billy ist unverzichtbar!"), und wer von ihnen geschickter beim Zusammenbauen ist. Es wird viel gelacht. Kunden bleiben stehen, gehen auf Schwesig zu, sprechen sie an, bitten um ein Selfie mit ihr.

Schwesig lächelt, nimmt sich Zeit für kurze Gespräche. Und redet dabei nicht nur über Politik und den Landtagswahlkampf, sondern auch über ganz alltägliche Dinge. Das kommt bei den Besuchern gut an. Probleme mit Job und Familie, mit Kindern und Selbstbaumöbeln hat ja schließlich fast jeder. Jeder kann sich leicht in dieser jugendlich wirkenden blonden Frau wiedererkennen, die Familienpolitik nicht nur propagiert, sondern selbst gut gelaunt vorlebt.

Ihrem Kieler Parteifreund Albig hat die prominente Unterstützung wenig geholfen. Er wurde abgewählt und zieht sich aus der Politik zurück. Schwesig dagegen erklimmt in der Politik einen weiteren wichtigen Schritt nach oben: Sie wird Ministerpräsidentin in Schwerin – ganz ohne Wahlkampf.

Zwar war schon seit Längerem darüber spekuliert worden, dass die 43-Jährige Regierungschef Erwin Sellering zur Mitte der Legislaturperiode ablösen könnte. Dass es aber nun so schnell gehen würde, erfuhr auch Schwesig selbst erst am Montag. Am Dienstag teilte Sellering dann öffentlich mit, dass er sich wegen einer Krebserkrankung komplett aus der Politik zurückziehen werde. Als Nachfolgerin schlug er Schwesig vor: Sowohl als SPD-Landesvorsitzende als auch als Ministerpräsidentin.

Ein Karriererückschritt?

"Nein" zu sagen, dürfte Schwesig nicht ernsthaft erwogen haben. Zwar könnte ihre Rückkehr aus Berlin nach Schwerin, wo die gebürtige Brandenburgerin seit 17 Jahren lebt und zwischen 2008 und 2013 Sozialministerin war, auf den ersten Blick als Karriererückschritt erscheinen. Schließlich steht eine Bundesministerin wesentlich mehr im Licht der Öffentlichkeit als die Ministerpräsidentin eines bevölkerungs- und strukturschwachen ostdeutschen Bundeslandes. Auch ihre politischen Einflussmöglichkeiten werden dort wesentlich begrenzter sein, die Probleme dagegen deutlich vielfältiger.

Aber der Wechsel aus der Bundes- zurück in die Landespolitik bringt für Schwesig auch viele Vorteile. Schließlich ist ungewiss, ob die Bundes-SPD nach der Bundestagswahl im Herbst überhaupt noch weiter mitregieren wird. Als Ministerpräsidentin kann sie dagegen noch bis mindestens 2021 in Schwerin mit der CDU zusammen regieren und versuchen, von dort Einfluss auf die Bundespolitik zu nehmen. Und sie ist künftig ihr eigener politischer Chef.

Eine Zwischenstation nach ganz oben?

Auch familiäre Gründe könnten ihr die Entscheidung erleichtert haben. Schließlich leben ihr Mann und ihre beiden Kinder, das jüngere ist erst ein Jahr alt, in Schwerin. Doch Parteifreunde, die sie gut kennen, sind überzeugt, dass Schwesig ihr neues Amt auch jenseits solcher Überlegungen viel bedeutet. Schwesig komme in ihrer Wahlheimat unglaublich gut an. Die Chance, eine ähnlich beliebte SPD-Landesmutter zu werden wie Malu Dreyer in Rheinland-Pfalz, hat sie also durchaus.

Ihr Einfluss innerhalb der SPD, deren stellvertretende Bundesvorsitzende sie bereits seit 2009 ist, dürfte als Ministerpräsidentin eher wachsen. Für die Bundespartei dürfte es dagegen schwieriger sein, Schwesig in die Provinz zu entlassen. Denn zweifellos gehört sie bundesweit zu den bekanntesten Köpfen der Partei. Und als Familienministerin steht sie für wichtige sozialdemokratische Themen.

Zwar ist sie keine mitreißende Rednerin, ihre Sätze klingen oft wie aus dem Sprechbaukasten. "Die Familien wünschen sich ein Zusammenbringen von Beruf und Familie. Die Politik muss dazu einen Beitrag leisten", floskelt sie beispielsweise bei ihrem Ikea-Besuch in Schleswig-Holstein. Doch Glaubwürdigkeit kann der Frau, die ihr zweites Kind als Bundesministerin auf die Welt gebracht hat und nach kurzer Pause in die Politik zurückkehrte, wohl keiner absprechen.

Chancen genutzt

In der eigenen Partei wird zwar mitunter gemutmaßt, Schwesig verdanke ihren steilen Aufstieg vor allem der Tatsache, dass sie jung, gutaussehend und aus dem Osten sei. Nach fast vier Jahren als Bundesministerin kann man jedoch sagen: Sollte sie am Anfang eine Quotenfrau gewesen sein, dann hat sie die Chance, die sich daraus ergab, immerhin zu nutzen gewusst.

Der Union hat sie, die sich selbst einmal als "ausdauernd, hartnäckig und wenn es drauf ankommt impulsiv" beschrieb, in dieser Zeit gleich mehrere Zumutungen abgerungen: die Quote für Frauen in Aufsichtsräten etwa oder ein Gesetz für mehr Lohngerechtigkeit. Manchem Unionisten gingen da schon mal die Nerven durch. Schwesig solle nicht rumheulen sondern getroffene Vereinbarungen umsetzen, musste sie sich in Zusammenhang mit der Quote einmal von Unions-Fraktionschef Volker Kauder anhören. Da solidarisierte sich sogar Kanzlerin Merkel mit ihr. Schließlich war die auch mal Bundesfrauenministerin.

"Sie wird noch mal Kanzlerin"

Mit ihrem zu Beginn der Legislaturperiode eingebrachten Vorstoß für eine Familienarbeitszeit scheiterte Schwesig dagegen. Ihrer innerparteilichen Profilierung hat das nicht geschadet: Bei ihrer Wiederwahl als Vize-Vorsitzende erhielt sie 2015 mit 92,2 Prozent das beste Ergebnis aller Stellvertreter.

Ihr Wechsel nach Schwerin muss deswegen keineswegs der Endpunkt ihrer Karriere sein. Er könnte sich vielmehr als wichtige Zwischenstation erweisen. "Sie ist ja noch jung", heißt es in der Partei. Und so viele erfolgreiche, regierungserfahrene, ambitionierte Frauen hat die SPD ja nicht, dass sie auf Bundesebene auf Dauer auf Schwesig verzichten könnte. Ihre Parteikollegin aus Mecklenburg-Vorpommern, die Bundestagsabgeordnete Sonja Steffen, ist jedenfalls überzeugt: "Schwesig wird noch mal Bundeskanzlerin".

Mitarbeit: Ludwig Greven