In Schleswig-Holstein bahnt sich etwas an, was bis zur Landtagswahl am 7. Mai noch fast unmöglich schien: CDU, FDP und Grüne, vordem klare politische Gegner, stimmten am Abend für die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen im nördlichsten Bundesland. Sie sollen bereits an diesem Mittwoch beginnen.

Möglich, ja nachgerade erforderlich gemacht haben das Jamaikawagnis, dem bundesweite Bedeutung zukommt, der komplizierte Ausgang der Landtagswahl und die Ausschließeritis aller Parteien bis auf die Grünen: Die CDU als Wahlsieger und die SPD als Wahlverlierer lehnen eine große Koalition ab, die FDP ein ebenfalls mögliches Ampelbündnis mit SPD und Grünen, die Dänen-Partei SSW die Beteiligung an einer schwarz-gelben Regierung. Da die bisher regierende rot-grün-blaue Koalition von SPD, Grünen und SSW keine Mehrheit mehr hat, bleiben deshalb nur eineinhalb Optionen: Jamaika – oder Neuwahlen. Die jedoch wollen auch die Grünen nicht.

Für CDU und FDP war die Sache klar: Ihre Parteitage votierten nach den erfolgreichen Sondierungsgesprächen, die nach übereinstimmender Darstellung konstruktiv und in guter Atmosphäre verliefen, jeweils einstimmig für Verhandlungen mit den Grünen.

Die taten sich dagegen wesentlich schwerer. Auf ihrem Delegiertentreffen in Neumünster waren die Vorbehalte gegen ein Jamaikabündnis deutlich zu spüren. Schließlich hatten sie im Wahlkampf dafür geworben, die bisherige, sehr harmonische und reibungslose Koalition fortzusetzen; das scheiterte jedoch an den Verlusten der SPD. Ihre zweitliebste Option, eine Ampel, in der sie zusammen mit der SPD weiter den Ton hätten angeben können, verhindert wiederum die FDP.

Umweltminister Robert Habeck, der Star der Landespartei, und Spitzenkandidatin Monika Heinold, warben trotz der heftigen "Bauschmerzen", die auch sie mit CDU und FDP haben, angesichts des einzigen verbliebenen Koalitionsauswegs eindringlich für die Verhandlungen mit den ungeliebten Partnern in spe. Sie appellierten an das starke Selbstbewusstsein ihrer Landespartei, die bei der Landtagswahl fast 13 Prozent geholt hatte, und an ihr demokratisches Pflichtgefühl: "Wir können doch die Menschen nicht so lange wählen lassen, bis uns das Ergebnis passt", sagte Heinold vor den Delegierten. Schließlich habe man den Wählern versprochen, dass die Grünen weiter Regierungsverantwortung übernehmen wollten. Und sie fügte hinzu: "Wir sind bereit, auch dann Verantwortung zu tragen, wenn es schwierig wird."

Die anstehenden Gespräche mit CDU und FDP nannte Heinold einen "Praxistest" für die von den Nord-Grünen immer wieder betonte Eigenständigkeit. Und sie machte deutlich, dass sie ihre Landespartei dabei in einer bundesweiten Vorreiterrolle sieht: "Die grüne Bundespartei schaut auf uns Nordlichter", rief sie den Delegierten fröhlich zu. "Zeigen wir es ihnen!"

Schon im Wahlkampf hatten sich Habeck und Heinold deutlich von der Bundespartei abgesetzt, die sich seit Monaten im Abwärtstrend befindet. Und hatten damit Erfolg: Die Grünen blieben drittstärkste Kraft im Land, mit einem fast doppelt so starken Ergebnis wie die Parteifreunde in NRW eine Woche später und wie die aktuellen Umfragewerte der Bundesgrünen.   

Gelingt es ihnen jetzt auch noch, zu zeigen, dass ihr Landesverband auch in einem Bündnis mit CDU und FDP eigene Ziele durchsetzen kann, vielleicht sogar leichter als bei der SPD 2012, wo es zeitweise in den Koalitionsverhandlungen heftig knirschte, woran mehrere Delegierte erinnerten, wären sie nicht nur neue Leitfiguren der Partei über die Grenzen von Schleswig-Holstein hinaus – vergleichbar mit Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg. Sie könnten auch ein Vorbild liefern für mögliche Koalitionsverhandlungen mit der CDU und gegebenenfalls auch der FDP in Berlin nach der Bundestagswahl, falls die SPD weiter schwächelt.