In der SPD herrschte an diesem Montag wieder einmal Alarmstimmung, und das gleich in mehrfacher Hinsicht: In der Poststelle der Parteizentrale wurde am Morgen eine verdächtige hölzerne Box entdeckt. Wegen Bombenvermutung räumte die Polizei daraufhin das Willy-Brandt-Haus, wo gerade der Vorstand über dem Wahlprogramm brütete. Eineinhalb Stunden mussten führende Genossen auf dem Bürgersteig ausharren, bis sie wieder ins Gebäude durften. Dort diskutierten sie dann unter Hochdruck über Hunderte Änderungsanträge zum Programmentwurf der Parteispitze, der am Nachmittag präsentiert werden sollte

Die Holzbox entpuppte sich als eine Art harmloser Spendenkiste. Vielleicht hatte ja ein besorgter SPD-Anhänger das Kästlein geschickt, um Ideen zu sammeln, wie die Sozialdemokraten und ihr Kanzlerkandidat Martin Schulz die Bundestagswahl womöglich doch noch gewinnen können. Die SPD hätte sie dringend nötig.

Denn spätestens seit der verlorenen Landtagswahl im Stammland Nordrhein-Westfalen, der dritten in Folge, ist die Partei im Alarmzustand. Die Euphorie, die die SPD nach der Nominierung von Schulz erfasst hatte und der Aufschwung in den Umfragen, der sie zeitweise auf Augenhöhe mit der Union gebracht hatte, sind verflogen. Niemand, auch nicht der Parteivorsitzende und Kanzlerkandidat, scheint eine Idee zu haben, wie sie aus diesem neuerlichen Tief wieder herausfinden wollen.

Keine Ideen oder keine guten Berater?

Stattdessen herrschen in der Partei Chaos, Streit und die altbekannte lähmende Verzweiflung, dass es mit dem erhofften Einzug von Schulz ins Kanzleramt wieder nichts wird. Alles auf Anfang. Oder noch schlimmer. Denn zu den zahlreichen taktischen und strategischen Fehlern seit Beginn des Schulz-Hypes kommen jetzt noch eklatante Fälle von Missmanagement hinzu: An diesem Montag wollte die Parteiführung der Öffentlichkeit eigentlich endlich den Entwurf ihres Wahlprogramms vorstellen, um nach den drei schmerzhaften Wahlniederlagen in den Ländern den Blick wieder nach vorne zu richten und das Gerechtigkeitsversprechen von Schulz mit Inhalt zu füllen.

Doch erst verstolperte sie den Termin, sagte die für Montagnachmittag angekündigte Pressekonferenz am späten Sonntagnachmittag überraschend ab, um sie dann doch abzuhalten. Und dann wurde der Vorstand nicht fertig. Weil so viele Themen im Wahlprogramm noch umstritten sind, legte er nur ein weiteres Rumpfpapier vor. Entscheidende Punkte wie das Renten- und Steuerkonzept fehlen noch immer. Der Streit darum soll jetzt möglicherweise erst auf dem Parteitag am 25. Juni ausgetragen werden – ziemlich genau drei Monate vor der Bundestagswahl. Wenig Zeit, um die Botschaft dann noch unters Wahlvolk zu tragen.

Dabei kamen ja weder der Termin der Bundestagswahl noch der Wahl in NRW für die SPD-Führung überraschend, genauso wenig wie die Diskussionsfreudigkeit der in Programme verliebten Mitglieder und Funktionäre. Seit seiner Nominierung und seiner triumphalen Kür zum Parteivorsitzenden hat Schulz, wie die Partei immer wieder betonte, "mit Hochdruck" an dem Wahlprogramm gearbeitet, das auf ihn zugeschnitten sein soll. Mit wem eigentlich hat er das getan, wenn jetzt noch immer so viel ungeklärt ist? Und weshalb vermag er es nicht, sich mit seiner Autorität als Parteichef und dem Anfangsrausch um seine Person mit seinen Vorstellungen inhaltlich durchzusetzen?

Oder hat er selbst gar keine genauen Ideen, weil er als langjähriger Europapolitiker in der Innenpolitik doch ziemlich unerfahren ist?