Nach ihrer klaren Niederlage bei der Landtagswahl konzentriert sich die Diskussion in der schleswig-holsteinischen SPD auf die Suche nach den Ursachen. Im Mittelpunkt der Kritik steht der bisherige Ministerpräsident Torsten Albig. Ihm werfen auch führende Genossen einen unengagierten, uninspirierten Wahlkampf gegen den aggressiv auftretenden CDU-Wahlsieger Daniel Günther vor. Er habe seinen Herausforderer nicht ernst genommen, nicht die richtigen Themen getroffen und so die Mehrheit für die Küstenkoalition verspielt, heißt es.

Angelastet wird Albig aber parteiintern vor allem ein Interview mit der Bunten, in dem er Ende April über die Trennung von seiner ersten Frau gesprochen und gesagt hatte, seine Frau sei in ihrer Rolle als Hausfrau "gefangen" gewesen: "Irgendwann entwickelte sich mein Leben schneller als ihres. Wir hatten nur noch ganz wenige Momente, in denen wir uns auf Augenhöhe ausgetauscht haben." Insbesondere von SPD-Frauen wird das als eine Macho-Haltung und ein Frauenbild verurteilt, das nicht zu einer modernen Sozialdemokratie passe.

Auch Generalsekretärin Katarina Barley hatte die Niederlage der SPD vor allem auf die Diskussion um das Privatleben des Ministerpräsidenten zurückgeführt. Offensichtlich hätten deswegen vor allem Frauen weniger die SPD gewählt. Tatsächlich waren die Umfragewerte der SPD und auch die persönlichen Werte von Albig nach dem Erscheinen des Interviews in den vergangenen zwei Wochen vor der Wahl deutlich nach unten gegangen. 

In SPD-Kreisen wird damit gerechnet, dass Albig womöglich bereits am Dienstagmorgen unter dem Druck aus der Partei seinen Rückzug bekannt gibt. Dann kommt die verkleinerte SPD-Landtagsfraktion zu ihrer konstituierenden Sitzung zusammen. "Das wäre eine gute Gelegenheit für ihn, die Konsequenzen zu ziehen", sagte ein SPD-Insider ZEIT ONLINE.

Eine Rolle bei den Überlegungen spielt auch, dass FDP-Fraktionschef und -Spitzenkandidat Wolfgang Kubicki einer möglichen Ampelkoalition unter Führung von Albig eine glasklare Absage erteilt hat. Die Liberalen lehnen ein solches Bündnis zwar nicht völlig ab, auch wenn sie eine Jamaika-Koalition mit CDU und Grünen bevorzugen würden. Aber in der Landespartei gilt es als absolut ausgeschlossen, dass Albig in einem solchen Fall Ministerpräsident bleibt. Schließlich habe man im Wahlkampf für seine Abwahl geworben.

Ein anderer Ministerpräsidenten-Kandidat könnte die Liberalen womöglich umstimmen. In der SPD werden bereits Namen möglicher Nachfolger gehandelt. An erster Stelle steht der Kieler SPD-Oberbürgermeister Ulf Kämpfer. Der 44-jährige Jurist war bis 2014 Staatssekretär unter dem grünen Umweltminister Robert Habeck und ist mit einer grünen Landtagsabgeordneten verheiratet. Er steht also für eine enge Verbindung zum bisherigen Koalitionspartner, und er ist in der SPD sehr beliebt. Kämpfer war im März 2014 mit 63,1 Prozent zum Nachfolger der zurückgetretenen Kieler Oberbürgermeisterin Susanne Gaschke gewählt worden.

Alles hängt von der weiteren Diskussion ab

Im Gespräch als möglicher Regierungschef einer rot-grün-gelben Regierung ist auch der frühere Landesinnenminister Andreas Breitner. Dem 50-jährigen Verwaltungswirt und ehemaligen Bürgermeister von Rendsburg wird allerdings von Teilen der Partei bis heute angekreidet, dass er im September 2014 aus angeblich "familiären Gründen" zurückgetreten war und auch sein Amt als stellvertretender SPD-Landesvorsitzender niedergelegt hatte. Tatsächlich war er aber schon einen Tag zuvor zum Direktor des Verbands der norddeutschen Wohnungsbauunternehmen bestellt worden.

Im Umfeld von Albig hieß es, alles hänge jetzt von der Diskussion in der Partei ab. Ob er noch vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen am kommenden Sonntag eine Entscheidung treffen werde, sei offen. Am Abend wollte der Landesparteirat zusammenkommen. Dort könnte sich der Unmut über Albig Bahn brechen, sodass ihm nichts anderes übrig bleibt, als die eigene Verantwortung für die Wahlniederlage zu übernehmen – wie er am Wahlabend angekündigt hatte – und daraus den persönlichen Schluss zu ziehen.

Keine Koalitionsgespräche vor der NRW-Wahl

Sondierungsgespräche für eine künftige Koalition werden weder Günther noch die SPD in dieser Woche vor der Wahl in NRW führen. Möglich sind sowohl die beiden Dreierbündnisse mit Grünen und FDP als auch eine große Koalition. Die wollen aber weder CDU noch SPD.

In der SPD rechnet man damit, dass es auf eine Jamaika-Koalition hinauslaufen wird, zumal sich die Grünen-Spitzenkandidaten Monika Heinold und Robert Habeck offen dafür gezeigt haben. Um selbst die Initiative zu ergreifen, sei der Abstand zur CDU zu groß, sagen SPD-Leute. Allerdings schließen manche Sozialdemokraten nicht aus, dass die Verhandlungen von CDU, Grünen und FDP scheitern könnten, zum Beispiel am Streit um den Weiterbau der Autobahn A20 oder die Flüchtlingspolitik. In einem solchen Fall könnte die SPD dann vielleicht doch wieder zum Zuge kommen und weiter den Ministerpräsidenten stellen – mit einem neuen Mann (oder einer neuen Frau) an der Spitze einer Ampelkoalition.