Wer bei der Bundestagswahl im September als Sieger hervorgehen wird, das entscheidet sich auch an der Haustür. Darauf setzen zumindest die Parteien: "Wir machen einen so intensiven Haustürwahlkampf wie noch nie", sagte CDU-Generalsekretär Peter Tauber Ende April in einem Zeitungsinterview. Als SPD-Generalsekretärin Katarina Barley ebenfalls Ende April die Wahlkampfzentrale ihrer Partei präsentierte, sagte sie: "Der Haustürwahlkampf ist das wichtigste Element."

In der Realität sind diese Pläne noch nicht angekommen: Für viele Wähler in Deutschland ist der klassische Wahlkampf an ihrer Haustür noch die Ausnahme, hat eine Umfrage des Instituts YouGov ergeben. Nur knapp einer von zehn Befragten (9 Prozent) hatte schon einmal Kontakt zu Wahlkämpfern an seiner Tür. Fast die Hälfte dieser kleinen Gruppe (44 Prozent) hat sich dann auch tatsächlich auf ein Gespräch eingelassen.

In Nordrhein-Westfalen haben die Meinungsforscher die Wähler direkt mit Bezug zur Landtagswahl befragt: Nur vier Prozent der Befragten gaben hier an, dass vor der Wahl am 14. Mai ein Politiker oder Wahlkämpfer bei ihnen geklingelt hat. Wieder fast die Hälfte (46 Prozent) war dann zum Gespräch bereit.

Das zeigt: Haustürwahlkampf ist wenig verbreitet. Aber wenn die Tür schon mal offen ist, will sich fast jeder zweite Wähler auch unterhalten. Unter den SPD-Wählern in der bundesweiten Umfrage war die Offenheit dafür am höchsten, 46 Prozent der Befragten würden sich auf jeden Fall oder eher unterhalten. Danach kommen AfD-Wähler mit 35 und Unionswähler mit 33 Prozent mit positiver Resonanz. Ein Fünftel derer, die Haustürwahlkampf nicht grundsätzlich ablehnen, würde sich mit allen Parteien unterhalten. Am ehesten sind sie zu einem Gespräch aber bereit, wenn sie die Partei wählen wollen, deren Vertreter da vor ihrer Tür steht.

"Datenbasierter Haustürwahlkampf wird in Deutschland systematisch erst seit 2013 genutzt", sagt Wahlforscher Simon Kruschinski. Er promoviert an der Universität Mainz zum Haustürwahlkampf. Auf kommunaler Eben sei der persönliche Kontakt zwar schon immer relevant gewesen. Aber erst die Erfolge der Obama-Kampagnen in den USA hätten auch hierzulande die Wahlkampfstrategien der Parteien verändert. "Aus US-Studien ist bekannt, dass diese Form von Wahlkampf sehr effektiv mobilisieren kann."

Deshalb setzen CDU und SPD im aktuellen Bundestagswahlkampf auf datenbasierte Apps und Webformulare, die die Wahlkämpfer unterstützen. "Anders als in den USA wissen die Parteien in Deutschland aber nicht, wen genau sie hinter der Haustür vorfinden, sondern sie verlassen sich auf die vorherigen Wahlergebnisse und zusätzliche Daten aus den Wahlbezirken", sagt Kruschinski.

Der YouGov-Umfrage zufolge ist ein typischer Wähler, der sich auf ein Gespräch an der Tür einlassen könnte eher männlich (37 Prozent) statt weiblich (25 Prozent). Außerdem sind ältere Wähler ab 65 Jahren (38 Prozent) und junge Wähler zwischen 18 und 24 Jahren (32 Prozent) am ehesten bereit, den Wahlkämpfern an der Tür zuzuhören.

Obwohl kaum Wähler in Deutschland an ihrer Haustür mit Wahlkämpfern in Kontakt kommen, kann das kurze Gespräch den Parteien etwas bringen. Knapp ein Viertel der Wähler, bei denen schon mal jemand vor der Tür stand, gab an: Der Haustürwahlkampf habe sie in ihrer Wahlentscheidung durchaus beeinflusst. Bei wem unter den Befragten noch nie jemand geklingelt hat, sagt nur zu einem Fünftel: Ja, der Haustürwahlkampf würde theoretisch (eher) einen positiven Effekt auf das Bild einer Partei oder auf die Wahlentscheidung haben.

"In Deutschland fehlt noch vielen Wählern ein Verständnis dafür, was bei so einem Gespräch an der Tür passiert", sagt der Wahlkampfexperte Kruschinski. "Deutsche sind im Unterschied zu US-Amerikanern nicht daran gewöhnt, dass jemand auf sie zukommt." Sie sorgten sich um Beeinflussung und informierten sich über Politik lieber allein.

Wenn die Befragten ihre Haustür vor den Wahlkämpfern wieder schlossen, lag das vor allem daran, dass sie keine Zeit hatten (23 Prozent) oder sich grundsätzlich nicht mit Haustürwahlkämpfern unterhalten wollten (21 Prozent).

Wer den Haustürwahlkampf grundsätzlich eher ablehnt, tut das meistens aus drei Gründen: Am häufigsten nannten die Befragten, dass sie sich lieber in Ruhe selbst informieren, Fremden an ihrer Tür nicht vertrauen und diesen Ort für den Wahlkampf auch nicht passend finden.

Nicht unerheblich ist auch, wer da vor der Tür steht. Die Wahrscheinlichkeit, sich vor dem eigenen Zuhause über den Wahlkampf zu unterhalten, steigt für die Befragten, wenn dort ein Direktkandidat oder ein Politiker der Partei steht – statt nur ein freiwilliger Wahlkämpfer oder ein Parteimitarbeiter.

"Die Wahlentscheidung wird heute immer kurzfristiger getroffen", sagt Wahlforscher Kruschinski. Der Haustürwahlkampf gehe dann von der These aus: Je länger die Wähler unentschlossen seien, desto eher könne sie der persönliche Kontakt schließlich doch noch mobilisieren.