Wenn Angela Merkel tatenlos zuhören muss, entgleiten ihr gern die Gesichtszüge. Am Montagabend im Maxim-Gorki-Theater zum Beispiel, da dauerte es keine fünf Minuten. Ende September sei Bundestagswahl, sagte die Chefredakteurin des Hochglanzmagazins Brigitte, "aber Sie, liebe Frau Merkel, dürfen wie vor vier Jahren auch jetzt schon wählen." Als Brigitte Huber fortfuhr, diese Wahl bestünde "zwischen zwei Begriffspaaren", entglitt Merkels Mimik bereits ins Ironische und wurde beim ersten Begriffspaar "zu Hause oder unterwegs" fast spöttisch. Damit war die Stimmungslage für die nächsten 90 Minuten festgelegt.

Seit der Bundestagswahl 2013 lädt dieses Frauenmagazin aus Zeiten, in denen der Name für Mädchen noch schwer en vogue war, Politikerinnen zum Kammerplaudern in die Hauptstadt. BRIGITTE LIVE ist dabei trotz der Buchstabengröße ein lockeres Beisammensein jenseits der harten Realität. Zu Beginn dieser Gesprächsreihe durfte die Kanzlerin bereits über den Tellerrand tagesaktueller Berichterstattung blicken und ihre Handhaltung erklären oder was sie an Männern attraktiv finde. Im ernsten Nachrichtengeschäft wäre das unschicklich, in der Regenbogenpresse allenfalls das Aufwärmprogramm für eine Homestory – zu der es aber nicht kommt.

Angela Merkel wählt "unterwegs". Keine Homestory also, aber eine prima Gelegenheit, dem World Wide Web zu zeigen, dass die mächtigste Frau der Welt mehr ist als eine jener berufsbedingten Phrasenmaschinen. Merkel ist witzig, Merkel ist schlagfertig, Merkel fühle sich wohler, "seit nicht mehr so über meine Haare gelästert wird". Sie wünsche sich, dass Männer ohne Elternzeit "in Erklärungsnot geraten". Merkel ist alles, was man zu ahnen glaubte, aber nicht glauben wollte. Sie spricht von den Tücken der Hotel-Fernseher und was sie mit dem Alter zu tun haben. Sie sagt, dass es sie mit Sorgen erfülle, ob sie "die ganze moderne Entwicklung noch hinkriege".

Reporterinnen schweigen bei Merkels Selbstlob

Bei aller Koketterie dringt aber auch Substanzielles durch. "Unser nächstes Begriffspaar lautet bergauf, bergab", sagt Hubers Chefreporterin Meike Dinklage. Sie ist neben Brigitte Huber die zweite Interviewerin auf der Bühne. Damit zielte Dinklage zwar auf Urlaubsziele ab, sie entlockt Angela Merkel aber etwas von Belang, zum Thema Entscheidungen. Die nämlich "dauern bei mir oft sehr, sehr lang". Wie einst in der Griechenland-Krise. Aber dann, fügt Merkel hinzu, "hadere ich eigentlich nie damit".

Es ist eine starke Passage im heiteren Begriffe-Teilen, das auf der Homepage des Blattes zwischen den Rubriken "Ernährung umstellen? Das passiert im Körper" und "6 Sätze, die du niemals zu deinem Ex sagen solltest" zu klicken ist. Darf man das im Brigitte-Kosmos als Abrechnung für die jüngste Jamaika-Koalition in Schleswig-Holstein werten? Jedenfalls wird es nun politisch. Mit "80 oder 120 Prozent" tarnt Brigitte Huber die Frage nach weiblichem Perfektionismus und erhält dafür nicht nur ein Gesichtsentgleiten der markanteren Art, sondern auch das Bekenntnis, bei Merkels daheim klappe es nicht so mit dem Wäscheaufhängen, "oder was meinen Sie?".

Ja, was meinen die, wenn Teilzeitarbeit angeschnitten, aber durch Wortpärchenspiele verbrämt wird? Was soll der Gegensatz von SMS und Twitter oder die Wahl zwischen Macho und Feministin? So verläuft das Podiumsgespräch warm, aber drückend wie föniger Wind durch den vollen Saal, der höflich lacht, wenn Merkel scherzt, und sittsam verstummt, wenn der Journalismus versagt. Aus "Wut oder Mut" wählt Erstere jedenfalls Letzteres, schwadroniert über eigene Leistungen beim Umweltschutz. Und die Reporterinnen? Sie schweigen so huldvoll wie nach Merkels Satz, ihre bislang mutigste Entscheidung sei der Atomausstieg, wobei sie selbst darauf hinweisen muss, kurz zuvor noch die Laufzeit verlängert zu haben. Erst aus dem Publikum gibt es am Ende so etwas wie Widerspruch. Beim Thema Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare rang ihr einer sogar eine Art Bekenntnis zur Ehe für alle ab. Auf der Bühne blieb es derweil artig.

Und das ist nicht mal tragisch. BRIGITTE LIVE will ja nur die menschliche Seite des Politischen präsentieren und ein bisschen die politische Seite des Menschlichen. Trotzdem darf man dem Charme des Gegenübers ruhig mehr entgegensetzen als "lächeln oder Zähne zeigen", worauf die Kanzlerin antwortet, sie "träume davon, auch dann interessiert auszusehen, wenn ich schweige". An diesem Abend gelingt ihr das fast immer. Man lässt sie ja auch reden. Am Schluss noch mal über Ehe oder Liebe. Schön.