Wie wechselvoll doch die Politik und der Wahlkampf auch in Deutschland geworden sind! Vor Kurzem noch sah SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz, zu Jahresbeginn als politischer Beinahe-Heiland gestartet und dann jäh wieder in der Wählergunst abgestürzt, wie der ziemlich sichere Verlierer der Bundestagswahl aus. Jedenfalls in der medialen und öffentlichen Wahrnehmung.

Angela Merkel, von Schulz' kurzzeitigem Höhenflug im Frühjahr sichtlich beeindruckt, wirkte dagegen wieder souverän wie eh und je – über allem thronend und mit der entspannten Gewissheit, auch nach dem 24. September Hausherrin im Kanzleramt bleiben zu können. Mit welchem Koalitionspartner auch immer.

Doch dann begann die Aufholjagd von Schulz. Nach der noch ziemlich verstolperten Präsentation der Eckpunkte des sozialdemokratischen Wahlprogramms legte seine Partei Stück für Stück ihre Konzepte für die zentralen Politikfelder vor: Steuern, Rente, Bauen … Und mehr und mehr änderte sich das Bild wieder. Denn es zeigte sich, dass der Merkel-Herausforderer, den alle nach den drei verlorenen Landtagswahlen noch zu Recht kritisiert hatten, weil er sich in den Wahlkämpfen viel zu sehr zurückgehalten hatte, inzwischen seine Aufgaben erledigt hat. Die SPD präsentiert sich als Partei, die pünktlich zum Beginn des eigentlichen Wahlkampfs seriöse, durchgerechnete Konzepte erarbeitet hat, während CDU und CSU noch um einem gemeinsamen Kurs in zentralen Fragen ringen. Das kam gut an.

Am Dienstag folgte dann ein kleines Meisterstück von Schulz. Nachdem Merkel am Vorabend eher beiläufig und vermutlich ungeplant angedeutet hatte, dass sie die Abstimmung über die seit Langem umstrittene Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare im Bundestag freigeben könnte, griff der SPD-Chef beherzt zu: Er forderte die Kanzlerin auf, das sofort zu tun und nicht erst nach der Wahl, und kündigte an, die Frage noch in dieser Woche – der letzten regulären Sitzungswoche des Parlaments vor der Bundestagswahl – zur Abstimmung stellen zu wollen.

Merkel kam dadurch in Bedrängnis. Denn bisher hatte sie es stets vermieden, selbst zur Öffnung der Ehe Position zu beziehen – wohl um die Konservativen in der CDU und der CSU nicht noch mehr zu reizen. Hinter ihre eigenen spontanen Worte konnte sie nun aber nicht mehr zurück, auch wenn CSU-Vertreter sofort bremsten.

Hätte sie aber über diese für die Union heikle Frage einen Bruch der vorzeitigen großen Koalition riskieren sollen? Oder sollte sie die Abstimmung der Gewissensfreiheit der Abgeordneten überlassen, mit der Gefahr, dass die Union in dieser Frage als einzige Partei als gespalten dastehen würde?

Merkel spielt auf Zeit

Merkel tat schließlich das, was sie häufig tut, wenn es für sie brenzlig wird: Sie spielt auf Zeit und versucht, dem politischen Gegner das Thema so aus der Hand zu nehmen. Ihr Plan, um dem unionsinternen Konflikt auszuweichen: Sie gibt die Abstimmung frei – aber erst in der nächsten Legislaturperiode. Ähnlich war sie schon einmal verfahren, als die jetzige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen vor der letzten Wahl androhte, mit der damaligen Opposition für eine verbindliche Frauenquote in den Führungsetagen der Wirtschaft zu stimmen: Die Abstimmung wurde vertagt, das Ziel aber in das CDU-Wahlprogramm aufgenommen.