Dabei ging er Hindernissen nicht aus dem Weg, sondern nutzte sie. Nur wenige Minuten vor seiner Rede hatte die Delegierten die Nachricht vom Tod Helmut Kohls erreicht. Damit war auch klar: Die Medienberichterstattung am Wochenende würde vom Gedenken an den Ex-Kanzler geprägt sein, nicht vom Grünen-Parteitag. Die auch für die Öffentlichkeit demonstrierte Einigkeit – umsonst? Doch Özdemir griff die Nachricht auf und nannte Kohl einen "großen Europäer". Da applaudierten selbst linke Grünen-Delegierten für ihren einstigen Lieblingsgegner.

Auch der Schwarz-Grün-Befürworter Özdemir machte den Parteiskeptikern Zugeständnisse. Merkel und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble warf er "schulmeisterlichen Drill" gegenüber den Eurokrisenländern im Süden der EU vor. Der werde die weit verbreitete Jugendarbeitslosigkeit in Italien, Griechenland oder Spanien nicht verringern.

Özdemir sprach auch vom Parteiziel, hierzulande ab 2030 keine Autos mit Verbrennungsmotoren mehr zuzulassen. Ein Signal, dass er als Schwabe aus dem Autoland Baden-Württemberg in dieser Frage nicht wackelt, anders als der grün-schwarze Stuttgarter Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der sich offen gegen die Forderung stellt. Nach einer Stunde erntete Özdemir langen Applaus. Die Delegierten waren offensichtlich entschlossen, nicht wieder Bilder der Zwietracht zu verbreiten.

Festlegung im Wahlprogramm

So sah es also lange danach aus, als schnurre der Parteitag geräuschlos vor sich hin. Sogar Kretschmann, der linken Parteifreunden in Nordrhein-Westfalen vor Kurzem einen "gesinnungsethischen Überschuss" attestiert hat, hielt sich zurück. Dann kam Volker Beck.

Nach 23 Jahren im Bundestag verlässt der ehemalige Parlamentarische Geschäftsführer der Bundestagsfraktion im Herbst unfreiwillig das Parlament. Becks Landesverband Nordrhein-Westfalen hat ihn nach seiner Drogenaffäre und der Debatte um einen Text von ihm zum Sex zwischen Erwachsenen und Kindern aus dem Jahr 1988 nicht wieder aufgestellt. Zum bitteren Abschied hinterließ der Innen- und Rechtsexperte seiner Partei ein vergiftetes Geschenk. Er forderte, ins Wahlprogramm die Festlegung auf die Homoehe als eindeutige Koalitionsbedingung aufzunehmen: "Mit uns wird es keinen Koalitionsvertrag ohne die Ehe für alle geben" , so der von ihm vorgeschlagene Passus. 

Für die Grünen ist die rechtliche Gleichbehandlung gleichgeschlechtlicher Paare ein wichtiges und unstrittiges Thema. Die Union hingegen sperrt sich dagegen. Becks Vorschlag hat also das Zeug, ein schwarz-grünes Bündnis oder eine Jamaika-Koalition zu verhindern. Große Unruhe daher im Saal und auf den Gängen davor.

Zeitbombe mit langer Zünddauer

Doch die Parteitagsregie wendete einen Streit auf offener Bühne im letzten Moment ab. Am Samstagmorgen verkündete sie nach langen Beratungen karg: "Übernahme ins Programm". Eine Abstimmung über den Antrag gab es nicht. Becks Zeitbombe ist damit nicht entschärft, ihre Zünddauer hat sich nur verlängert.

Am Sonntagmittag schließlich votierten die Delegierten fast einstimmig für die Annahme des Wahlprogramms mit dem Nena-Liedzitat "Zukunft wird aus Mut gemacht" als Titel. Lächeln, Applaus, motivierende Popmusik. Auch in den kommenden drei Monaten werden die Grünen alles versuchen, um geeint und entschlossen zu wirken. Zumindest die meisten von ihnen.