Reden sollte stattdessen ausgerechnet Viktor Orbán, ein Anti-Europäer, der die Grundrechte und die demokratische Freiheit in Ungarn mit Füßen tritt. Kohl, der Ur-Europäer, hat ihn trotzdem schon vor Jahren zu einer Art politischem Ziehsohn gemacht. Vielleicht weil beide das antikommunistische Denken teilten, vielleicht aber auch nur, weil Orbán, nach dem Umbruch von 1989/90 politisch heimatlos, Kohl als Vorbild erwählte. 

Welch verrückte Vorstellung: Dass der ungarische Premier beim Staatsakt statt der Bundeskanzlerin und des Bundespräsidenten Kohl rühmen sollte – es hatte vermutlich nur einen einzigen Grund: Kohl wollte es seinen alten Gegnern heimzahlen. Diese persönliche und politische Kategorie stand für ihn schon immer über vielem anderen.

Das politische Erbe gehört allen

Aber kann und darf ein früherer Politiker und Staatsmann wirklich darüber verfügen, wie seiner öffentlich gedacht wird? Privat kann natürlich jeder in seinem Testament hinterlassen, ob und wie er sich seine Beisetzung und eine Trauerfeier vorstellt. Das gilt selbstverständlich auch für den Privatmann Helmut Kohl. Doch als ehemaliger Staatsmann und bedeutender Politiker gehört sein politisches Erbe nicht ihm – und auch nicht seiner Witwe. Es gehört uns allen.

Jeder, der Kohl erlebt hat, wird sein eigenes Bild von ihm haben. Ein bewunderndes, respektvolles, abschätziges oder neutrales. Doch keiner hat – mit seiner Sicht und mit Berufung auf welchen Status auch immer – ein Recht darauf, seine Interpretation zur allgemeingültigen zu erklären. Das gilt auch für die Witwe, die nicht einmal davor zurückschreckt, Kohls Sohn Hausverbot in Ludwigshafen zu erteilen, weil er vor Jahren in einem Buch mit seinem Vater öffentlich abgerechnet hat.

Die von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker angeregte Lösung ist deshalb die beste: Europa nimmt von Kohl Abschied in Straßburg, seinem deutsch-französischen politischen Zentrum, im ersten europäischen Staatsakt überhaupt, obwohl die EU ja gar kein Staat ist. Dennoch ist sie ihm das schuldig.

Deutschland verabschiedet sich von einem seiner größten Kanzler am selben Tag in Speyer, nahe seiner pfälzischen Heimat, wo er im Schatten des Doms auch beigesetzt werden soll. Wer dort genau reden darf, ist noch nicht ganz klar. Seine Witwe beansprucht dabei – ohne wirklichen Grund – ein Mitspracherecht. Und sie verlangt überdies die Entscheidungsbefugnis über seinen Nachlass, unter Berufung auf den Verstorbenen.

Doch darüber zu entscheiden, ist nicht ihr persönliches Recht und auch nicht Kohls. Das gilt zumal für all die Akten, Dokumente und sonstigen Erinnerungen im Keller des Oggersheimer Bungalows. Sie gehören in eine Kohl-Stiftung, ähnlich denen, wie es sie für Adenauer, Brandt und Schmidt gibt. Dort kann sie dann später jeder einsehen, Historiker ebenso wie alle Bürger, und überprüfen, ob ihr eigenes Bild von Kohl mit dem objektiven Kohl übereinstimmt.