Nach schrecklichen Anschlägen wie zuletzt in London und Manchester folgt immer dasselbe ermüdende Ritual: Konservative Politiker und solche der Rechten rufen, erst recht wenn sie vor Wahlen stehen, nach noch schärferen Sicherheitsmaßnahmen, mehr Kameras in den Straßen, vorbeugenden Verhaftungen, einer Aushöhlung von Bürgerrechten.

So tat es wie zu erwarten nach den Attentaten in London kurz vor der Unterhauswahl die britische Premierministerin Theresa May. Sie will sogar Menschenrechte einschränken – der Terrorabwehr willen. Es hat ihr nicht geholfen: Die Wahl hat sie halb verloren.

Linken und Linksliberale reagieren ebenso reflexhaft. Sie halten ihren Autopiloten auf striktem Abwehrkurs, mögen die Opferzahlen durch islamistische und sonstige Terroristen noch so hoch sein. Nur ja nicht das eigene Gedankengebäude infrage stellen, die strikten Prinzipien zur Verteidigung (abstrakter) Freiheitsrechte! Als wenn die im Moment nicht in erster Linie von ganz anderer Seite bedroht würden.

So tat es beispielsweise die ehemalige FDP-Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger in einem Gastbeitrag für ZEIT ONLINE, die Vorschläge auch aus den Reihen der großen Koalition zur Verbesserung der Inneren Sicherheit verwarf. Beide Seiten liegen falsch. Die ständige Aufrüstung des Polizeistaats verhindert keine Anschläge, wie Manchester und London, aber auch viele andere Terrorattacken zuvor gezeigt haben. Aber mehr Kameras auf öffentlichen Plätzen sind dennoch nicht unnütz.

Die britische Hauptstadt ist schon jetzt die Stadt mit den meisten Videoaugen weltweit, und seit dem Autoattentat auf der Westminster Bridge im März patrouillieren dort noch mehr Polizisten und Soldaten in voller Kampfmontur. Aber es hat die neuerlichen Anschläge, die in ganz ähnlicher Weise verübt wurden, nicht vereitelt. Genauso wenig wie mehr Betonpoller, die in Deutschland seit dem Lkw-Angriff auf den Weihnachtsmarkt in Berlin aufgestellt werden, Sicherheit garantieren können. Die Terroristen suchen dann halt andere Methoden, wie beim Angriff eines Selbstmordattentäter auf ein Popkonzert von Ariana Grande in Manchester.

Das Gleiche konnte man auch schon in Frankreich beobachten, wo seit den Pariser Anschlägen 2015 der Ausnahmezustand herrscht, die Justiz dadurch sehr weitreichende Möglichkeiten gegen Terrorverdächtige hat und ebenfalls das Militär herummarschiert. Dennoch gab es danach in Nizza ein weiteres Terrormassaker.

Sicherheit vermitteln

Und ähnlich war es bereits bei dem Anschlag auf den Boston-Marathon 2013: Die US-Geheimdienste forschen seit dem 11. September systematisch die Bürger und besonders Ausländer aus; es gilt permanent eine sehr hohe Terrorwarnstufe mit allem daraus resultierendem Freiraum für die Sicherheitsbehörden; die beiden Attentäter waren wie in anderen Fällen polizeibekannt. Dennoch konnten sie ungehindert bomben.

Aber auch wenn die Sicherheitsfanatiker übertreiben und selbst allerschärfste Maßnahmen wie in Israel oder jetzt im Iran Attentate nicht ausschließen können; und selbst wenn Politiker wie May und Bundesinnenminister Thomas de Maizière, ihr Sicherheitsbruder im Geiste und früherer Amtskollege, das genau wissen: Ihre Gegner liegen genauso daneben, wenn sie stets nur auf der Einhaltung von Bürger- und Freiheitsrechten pochen.

Denn mehr Videoüberwachung, mehr Polizeipräsenz, mehr Demonstration staatlicher Stärke mögen zwar keine Mordtaten wildentschlossener Islamisten verhindern, die im Zweifel auch den Tod so wenig fürchten wie das Gefängnis. Aber sie können etwas ganz Wesentliches erreichen: den Bürgern Sicherheit vermitteln.