Das Thema Friede ist der Linken nur dann wichtig, wenn es gegen die Nato und die USA geht. Bei Russland misst sie mit anderem Maß: Um die Besetzung der Ost-Ukraine und die Annexion der Krim zu verurteilen, fand sich keine Mehrheit. Geraume Zeit diskutierte der Parteitag, ob die Nato ersatzlos abgeschafft werden und ob Deutschland austreten müsse. Am Ende blieb es bei der Umwandlung in ein "kollektives Sicherheitssystem" mit Russland.

Die deutschen Waffengeschäfte mit Saudi-Arabien kritisiert die selbsternannte Abrüstungs-Partei zu Recht. Ob aber eine Auflösung der Nato dem von der Linken vehement vertretenen Frieden dient, lässt sich bezweifeln. Zur Übernahme von Verantwortung gehört in der derzeitigen internationalen Lage, Stabilität zu sichern und neue Unsicherheit zu vermeiden.

Erfolgreich war in Hannover auch der Antrag, "die Beteiligung an Nato-Kriegen wie in Afghanistan" zu beenden. Dabei hat doch die Bundeswehr in Afghanistan längst keinen Kampfauftrag mehr. Komplett widersprüchlich endete die Diskussion um die Einsätze des deutschen Militärs im Ausland – ein an Kontroversen reiches Reizthema für die Partei, die aber neuzeitliche Herausforderungen wie hybride Kriegsführung oder Cyberangriffe vollkommen ausklammert. Das Wahlprogramm zieht die Grenze zunächst eng: Sämtliche Auslandseinsätze werden abgelehnt und müssen beendet werden. Nach der Wahl aber fällt die Partei dann auf ihr Grundsatzprogramm zurück, das eine Zustimmung zu Kampfeinsätzen ausschließt, aber humanitäre Einsätze oder Ausbildungsmissionen möglich macht. Das versteht zwar kaum noch jemand, aber aus dieser Gemengelage kann sich jeder herausgreifen, was er will. Der regierungswillige Reformerflügel der Partei kann damit arbeiten, es finden sich darin aber auch die innerparteilichen Antikriegsfetischisten vom linken Flügel wieder, die sich in der Opposition am wohlsten fühlen.

In Erinnerung bleiben wird auch deren erfolgloser Versuch, die Partei in Hannover auf einen reinen Oppositionswahlkampf zu verpflichten, um im künftigen Bundestag "den Demagogen von der AfD nicht die Gelegenheit zu geben, sich als Opposition darzustellen". In den Parteitag hinein agitierte Spitzenkandidatin Sahra Wagenknecht ihre Anhänger per WhatsApp, "dass Merkel und ihre Politik abgewählt gehört, aber Schulz' SPD leider auch keine Alternative ist". Die Sozialdemokraten und die Grünen werden als Kriegstreiber verdammt. Destruktiver geht's nicht. Wagenknechts Co-Fraktionschef Dietmar Bartsch dagegen würde Schulz sogar zum Kanzler wählen, um einen Politikwechsel zu ermöglichen.

Die Parteispitze überkleistert diese Differenzen mit einem Mix aus Abgrenzung von und Angeboten an SPD und Grüne. Doch stellenweise entstand in den Debatten der Eindruck, die Linken in Thüringen, Brandenburg und Berlin müssten sich dafür entschuldigen, dass sie in ihren Ländern Regierungsverantwortung übernommen haben. Klaus Lederer, Kultursenator in Berlin, rüttelte seine Parteigenossen am Mikrofon schließlich durch: "Wir werden nicht gewählt, wenn wir rumjammern und Sprüche klopfen." Das saß.

Hinter solchen Appellen steckt die berechtigte Angst, dass die Wähler sich fragen, warum sie am Wahltag bei der Linken ankreuzen sollen. Dafür, dass die Partei zwar hehre Prinzipien hat, ihre politischen Ziele als selbst erklärte Oppositionspartei aber gar nicht umsetzen will? Das Reden vom notwendigen, gar grundlegenden Politikwechsel bekommt da einen merkwürdig hohlen Klang. Die vielen jungen Neumitglieder werden im Wahlkampf nicht Plakate kleben für ein Projekt, das aussichtslos ist. Und den möglichen Bündnispartnern ist die Lust bereits vergangen, für eine linke Perspektive zu arbeiten.

Die Linke strebt für September ein zweistelliges Wahlergebnis an, 2013 war sie auf 8,6 Prozent gekommen. Es sieht den Umfragen nach nicht danach aus, dass zur Bundestagswahl eine linke Mehrheit zustande kommt. Mittlerweile ist das auch gar nicht mehr entscheidend. Vielmehr geht es darum, ob die Linke es überhaupt wollte und ob sie als Partei der Aufgabe gewachsen wäre, die große Koalition abzulösen. Derzeit ist sie auf dem Weg ins politische Abseits, verschreckt ihre möglichen Partner und treibt die Wähler in Richtung Merkels CDU. Man kann der Linken nur wünschen, dass sie Verantwortung nicht nur simuliert, sondern auch übernimmt, sollte ihr die Chance dazu geboten werden. Sie muss sich entscheiden zwischen dem Weg als Protest- oder Gestaltungspartei. Tut sie es nicht, bleibt nach dem unvermeidlichen Rückzug der enttäuschten Nachwuchsaktivisten nur ein Häuflein Sektierer.