ZEIT ONLINE: Herr von Beust, die Ehe für alle kommt. Am Freitag wird im Bundestag darüber abgestimmt – gegen den Willen der Unionsführung. Eine gute Nachricht für Sie?

Ole von Beust: Ja, ich freue mich. Ich bin ja selber in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft – und empfinde es immer als skurril, wenn man in irgendwelchen Formularen ankreuzen soll: nicht verheiratet, aber eingetragene Partnerschaft. Auch symbolisch ist es ein ganz wichtiger Schritt in Richtung endgültige Gleichstellung und Emanzipation.

ZEIT ONLINE: Und dass die SPD Ihre Partei da überrumpelt hat, ist für Sie zweitrangig?

Von Beust: Das Ergebnis zählt. Es ist gut, dass Homosexuelle jetzt vollständig gleichgestellt werden als Eheleute. Ich kann zwar nachvollziehen, dass jemand emotionale Vorbehalte dagegen hat. Aber rational fällt mir kein einziges Argument ein, das dagegen spricht. Und strategisch war es eine absolut richtige Entscheidung: Die Kanzlerin hat damit ein Thema vom Tisch, für das sich alle anderen Parteien – SPD, FDP und Grüne – vehement eingesetzt haben. Das hätte im Wahlkampf durchaus Schwierigkeiten bringen können: Nichts ist schlimmer als ein polarisierendes Ja/Nein-Thema im Wahlkampf, das tief in ihre eigenen Reihen reingeht und bei dem sich alle anderen klar positionieren. Es ist also inhaltlich und taktisch richtig, was da passiert ist.

ZEIT ONLINE: In der Union selbst haben das ja mache durchaus als politische Niederlage empfunden: von der Schulz-SPD vorgeführt, vom eigenen Koalitionspartner mit einer Mehrheit jenseits der Union konfrontiert.

Von Beust: Das kann ich sogar nachvollziehen. In einer Koalition macht man ja eigentlich alles nur nach Absprache. So ein Vorpreschen wäre im Normalzustand in einer Koalition nicht zulässig. Aber die große Koalition ist ja ohnehin zu Ende. Es ist die letzte Sitzungswoche. Die SPD mag sich im Moment vielleicht als Sieger fühlen. Aber unterm Strich ist für CDU/CSU gut, dass sie das Thema los sind. Bei der SPD wird die Freude nicht lange anhalten.

ZEIT ONLINE: Sehen Sie nicht die Gefahr für Ihre Partei: dass die Union noch eine konservative Position mehr verliert? Es ist ja schon beachtlich, welche Positionen in der Merkel-Ära alle geräumt wurden: Vor nicht mal zehn Jahren war Ihre Partei noch für den Erhalt der Wehrpflicht, gegen den Mindestlohn und ganz bestimmt gegen die oft so bezeichnete "Homo-Ehe".

Von Beust: So ist eben der gesellschaftliche Wandel. Man kann jetzt darüber diskutieren: Was ist konservativ? Form oder Inhalt? Es gibt doch nichts Konservativeres als die Ehe. Man geht die Verpflichtung zu einer dauerhaften Bindung und zur Verantwortung ein. Nebenbei ist es für den Staat lukrativ: Das Risiko, dass er in Notlagen einspringen muss, wird kleiner. Nun kann man sagen: Es widerspricht dem konservativen Ansatz, das auch gleichgeschlechtlichen Paaren zu ermöglichen. Aber ich würde da immer sagen: So what?! Der Anteil der homosexuellen Ehen im Vergleich zu herkömmlichen Ehen liegt bei 0,2 oder 0,3 Prozent. 99,7 Prozent der Ehen sind normale Ehen. Die Gesellschaft wird dadurch nicht verändert oder erschüttert.

ZEIT ONLINE: Die Gesellschaft nicht, aber vielleicht ihre Partei ein bisschen.

Von Beust: Ja, einige grummeln vielleicht. Auf der anderen Seite muss man fragen: Was richte ich damit an? Warum sollte ich nicht Tausenden Menschen, die eine solche Bindung eingehen wollen, die Chance geben, es zu tun? Was spricht dagegen – außer vielleicht konservative Symbolik?

ZEIT ONLINE: Symbolik ist für eine Partei ja etwas ganz Entscheidendes. Sie kennen Ihre Union: Wie ist da heute die Stimmung in den konservativen Flügeln in Baden Württemberg? Oder bei der CSU? Die schimpfen ja schon über die Abstimmung am Freitag.

Von Beust: Ich bin relativ oft in Bayern unterwegs. Und nach meiner Erkenntnis denken sie selbst in Oberbayern oder in Franken nicht anders als in Hamburg oder Berlin. Das ist erheblich liberaler, offener und augenzwinkernder, als man glaubt.

ZEIT ONLINE: Aber …

Von Beust: Na klar, einige werden die Faust in der Tasche ballen. Aber auch die wollen, dass CDU und CSU die Wahl gewinnen. Denen kann man nur sagen: Leute, das Thema ist von der großen Mehrheit der Bevölkerung so gewollt, es entspricht einem konservativen Maßstab und wenn man es nicht gemacht hätte, hättet Ihr an der Seite der AfD Wahlkampf machen müssen. Wollt ihr das wirklich?