ZEIT ONLINE: Die SPD hat mittlerweile ein Rentenkonzept vorgestellt mit sehr konkreten Zahlen zur Entwicklung von Rentenniveau und Beitragssatz. Die CDU will dagegen kein eigenes Konzept vorlegen. Ist das die richtige Strategie?

Ole von Beust: Man muss fragen, warum Parteien im Wahlkampf Konzepte vorlegen. Das gilt für die Rente, aber auch für andere Dinge. Kommunikativ ist die Ausgangslage für Union und SPD da sehr unterschiedlich. Für die Kanzlerin, die schon lange im Amt ist und ein hohes Ansehen hat, gilt per se eine Kompetenzvermutung. Ihr SPD-Herausforderer Martin Schulz hat es da schwerer. Er kann die Kompetenzvermutung nicht durch Regierungshandeln belegen, sondern muss versuchen, sie durch programmatische Aussagen zu erzeugen.

Speziell bei der Rente glaube ich, dass ihm das wenig bringt, weil die Leute sowieso nicht glauben, was Politiker vor der Wahl sagen. Das gilt sowohl für die SPD als auch für die CDU.

ZEIT ONLINE: Die Union hat von Schulz immer gefordert, endlich zu sagen, wofür er stehe. Jetzt tut er das. Kann sie es sich da leisten, bei einem so wichtigen Thema wie der Rente selbst im Vagen zu bleiben?

Von Beust: Eine Partei mit einer hohen Kompetenzvermutung kann sich sehr viel leisten, weil Programme die Mehrheit der Bevölkerung nur am Rande interessieren. Wahlkampf ist weder ein programmatischer Wettbewerb noch eine Volkshochschulveranstaltung. Es geht darum, Stimmen zu gewinnen. Mit dem Rententhema gewinnt man keine einzige Stimme.

ZEIT ONLINE: Statt jetzt ein Konzept vorzulegen, soll eine Kommission in der kommenden Wahlperiode Vorschläge erarbeiten. Ist das nicht die totale Entpolitisierung des Wahlkampfes, wenn man den Wählern sinngemäß sagt, wählt uns mal, nach der Wahl sagen wir euch, wofür?

Von Beust: Erfolgreiche Wahlkämpfe sind in der Regel immer entpolitisiert, es sei denn, sie haben ein großes, stark polarisierendes Thema, das sich auf ein einfaches Ja oder Nein reduzieren lässt. Dann müssen die Parteien klar Position beziehen. Das Rententhema ist aber sehr diffus. Deswegen ist es von der CDU sogar klug, auf diesem Feld keine Konflikte heraufzubeschwören.

Es ist ja ein offenes Geheimnis, dass es eine Präferenz der CDU für eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit gibt. Aber wenn ich weiß, dass eine Forderung hoch unpopulär ist, muss ich das nicht zwei Monate vor der Wahl thematisieren.

ZEIT ONLINE: Grenzt das nicht an Wahlbetrug?

Von Beust: Wahlbetrug ist, wenn ich etwas sage, was ich nicht halte. Wenn ich gar nichts sage, ist es kein Wahlbetrug. Beim Wahlkampf geht es um Werbung. Persil wirbt auch nicht mit der chemischen Zusammensetzung seines Waschmittels sondern schafft ein Grundvertrauen, dass die Leute sagen: "Persil, da weiß man was man hat."

Die entscheidende Frage in diesem Wahlkampf ist: Wem trauen die Wähler am ehesten zu, in einer immer unruhiger werdenden Welt für möglichst viel Stabilität zu sorgen. Und nicht: Wer hat das bessere Rentenprogramm?

ZEIT ONLINE: Ist der Grund, dass die CDU sich vor einem Rentenkonzept drücken will nicht eher der, dass die Partei selbst in dieser Frage zerstritten ist? Der Wirtschaftsflügel zieht in die eine, der Sozialflügel in die andere Richtung und die CSU in eine dritte?

Von Beust: Das ist auch ein Grund. Aber so lange es gut läuft, ist die CDU führungstreu. Erst wird viel gestritten, aber wenn ein Kanzler oder eine Kanzlerin dann ein Signal in eine bestimmte Richtung gibt, machen doch wieder alle mit.

Ich glaube im Übrigen schon, dass wir in Deutschland seit Jahren viel zu wenig Diskussion haben über Fragen wie: Wo geht das Land hin? Brauchen wir mehr Freiheit oder mehr Geborgenheit? Auch das Steuersystem halte ich für ungerecht. Aber der Wahlkampf ist der falscheste Zeitpunkt, so was zu diskutieren.