Das Thema Ehe für alle und vor allem das Vorgehen der SPD sorgen in der großen Koalition weiter für Streit. Die SPD hatte angekündigt, gemeinsam mit Grünen und Linken gegen den Willen der Union für Freitag die Abstimmung über das Thema im Bundestag erzwingen zu wollen. "Normalerweise ist das ein Koalitionsbruch", sagte CSU-Chef Horst Seehofer der Augsburger Allgemeinen. Auch Unionsfraktionschef Volker Kauder hatte das Vorgehen scharf kritisiert und dabei von einem "Vertrauensbruch" gesprochen.

Seehofer nannte das Verhalten der SPD unwürdig. "Alle rechtlichen Bedenken werden ausgeblendet. Man hätte das auch in aller Ruhe im Herbst machen können." CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt sprach in den Zeitungen der Funke Mediengruppe von taktischen Spielchen des Koalitionspartners, die belegten: "Allen Lippenbekenntnissen zum Trotz wird die SPD, wenn es reicht, auf Bundesebene ein rot-rot-grünes Bündnis eingehen."

Auch FDP-Chef Christian Lindner hält die Eile für unangemessen. "Das Thema wird sozusagen von der Couch anmoderiert und dann hoppla hopp im Konflikt durchs Parlament gebracht", sagte er in Anspielung auf die überraschende Neupositionierung von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bei einer Veranstaltung der Zeitschrift Brigitte. Dieses Vorgehen werde dem Anliegen nicht gerecht. Da eine solche gesellschaftspolitische Modernisierung von 80 Prozent der Deutschen mitgetragen werde, wäre es besser, "dass man das ein bisschen zu einem gemeinsamen Gewinn macht".

Der Bundestag hat sich mit dem Gesetzentwurf des Bundesrates, mit dem die Ehe im Bürgerlichen Gesetzbuch auch für schwule und lesbische Paare möglich gemacht werden soll, in erster Lesung im November 2016 beschäftigt. Danach wurde der Gesetzentwurf in den Rechtsausschuss des Bundestags überwiesen. Dort wurde die Beschlussfassung 30-mal vertagt, weil Union und SPD wegen ihrer Differenzen bei diesem Thema eine Abstimmung im Plenum vermeiden wollten.

CSU bleibt bei ihrem Leitbild

Nach Willen von SPD, Linken und Grünen soll der Bundestag am Freitag über die Ehe für alle entscheiden – gegen den Willen der Unionsspitze. Eine Mehrheit gilt als sicher. Die CDU/CSU-Fraktion hat die Entscheidung zur Gewissensfrage erklärt. Damit entfällt der sogenannte Fraktionszwang, der Abgeordnete an eine vorgegebene Linie binden soll. Es wird damit gerechnet, dass auch ein Viertel bis ein Drittel der CDU/CSU-Abgeordneten für die Neuerung stimmt.

Ein Teil der Unionsparlamentarier fühle sich vom Vorgehen der Kanzlerin überrollt, sagte Seehofer. Ihr plötzlicher Kurswechsel werde in der Union sehr kontrovers gesehen. Auch wenn am Freitag einzelne Parlamentarier seiner Partei dafür stimmen würden, bliebe die Ehe zwischen Mann und Frau das Leitbild der CSU.

Kritiker halten die Änderung durch einfachen Gesetzesbeschluss für verfassungswidrig. Nach Ansicht des CDU-Rechtspolitikers Patrick Sensburg müsste dafür das Grundgesetz geändert werden. "Es bleibt abzuwarten, ob der Bundespräsident es überhaupt unterzeichnet oder ob eine Verfassungsklage aussichtsreich ist", sagte er den Funke-Zeitungen

Die Mehrheit der Deutschen wiederum befürwortet laut einer Umfrage des Insa-Instituts die Öffnung der Ehe. Demnach sind 75 Prozent dafür, 20 Prozent dagegen. Beim Kernpunkt der Gleichstellung, dem vollen Adoptionsrecht für Homosexuelle, ist die Zustimmung etwas geringer, aber immer noch groß: 66 Prozent befürworten es für gleichgeschlechtliche Paare, 22 Prozent lehnen es ab.

Justizminister Heiko Maas (SPD) forderte die Gegner der Ehe für alle auf, ihren Widerstand aufzugeben. "Jede klassische Ehe behält ihren vollen Wert. Niemandem wird etwas weggenommen", sagte er der Saarbrücker Zeitung.