Im Spätsommer 2013 verlor der SPD-Kanzlerkandidat endgültig die Fassung. Der Wahlkampf war für Peer Steinbrück gelaufen, seinem Ruf als dünnhäutiger Polittrampel machte er noch mal alle Ehre, indem er den Wählern den Mittelfinger entgegenstreckte – vom Titelbild eines Magazins. Ein Tiefpunkt.

So weit ist Martin Schulz noch nicht. Doch wer den SPD-Chef derzeit begleitet und beobachtet, merkt, dass Schulz' anfängliche Coolness immer stärker schwindet, je länger der Wahlkampf dauert. Ehrgeiz, Machtwille und seine Ambition auf das Kanzleramt schlagen um in Bitterkeit und Ratlosigkeit.

Die SPD versteht nicht, warum sie in den Umfragen abstürzt. Denn sie macht vieles richtig. Einen Kardinalfehler kann derzeit keiner ausmachen, daran wird auch der große Programmparteitag am Sonntag nichts ändern.

Oft sind es Kleinigkeiten, die zeigen, wie groß die Anspannung mittlerweile ist. Als ein Journalist Schulz Anfang der Woche eine Frage stellt zur Lastenverteilung zwischen Bund und Ländern im SPD-Steuerkonzept, verdreht der Kandidat die Augen und schüttelt mit einem ungläubigen Lachen den Kopf. Der Bauchpolitiker Schulz, das merkt man, hätte jetzt gute Lust, den forschen Fragesteller anzublaffen, der ihm da sein Steuerkonzept madig reden will. Statt seiner ergreift schnell SPD-Vize Olaf Scholz das Wort.

Oder vergangene Woche, als Schulz in Berlin beim Wirtschaftsforum der SPD spricht, einem Verein, der Unternehmer mit Genossen ins Gespräch bringen soll: Eben haben Manager wie der Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Dieter Kempf, ihre Forderungen an den SPD-Kandidaten vorgetragen, da tritt Schulz ans Mikrofon: "Ich habe hier eine ganz schöne Rede vorbereitet, aber die halte ich nicht", sagt Schulz. Statt wohltemperierter und ausbalancierter Wahlkampfansprache bricht spontan aus ihm heraus, was er sagen will.

Nichtschwimmer Schulz

Er will direkt auf BDI-Chef Kempf antworten: Nach dessen Statement müsse der Unternehmerboss eigentlich "eine SPD-Vollmitgliedschaft" beantragen, sagt Schulz, so nah liege man inhaltlich beieinander – und das, obwohl der BDI wahrlich nicht im Verdacht steht, eine SPD-nahe Lobbyorganisation zu sein. Kempf hatte mehr berufliche und schulische Bildung angemahnt, ein modernes, faires Steuerkonzept und europäische Investitionen, zum Beispiel in den Breitbandausbau. Alles Themen, mit denen Martin Schulz seit Monaten durchs Land zieht. Allerdings ohne, dass sich das in Umfragen niederschlüge. Da liegt die SPD wieder im angestammten Korridor zwischen 23 und 26 Prozent, Schulz' Beliebtheits- und Kompetenzwerte sind weit schlechter als die der Kanzlerin.

"Nicht mal Willy Brandt könnte die SPD im Moment auf Augenhöhe zur Union führen", sagt der Berliner Politologe Wolfgang Merkel. Merkel hat zwar kein Parteibuch, gehört aber seit 1998 der Grundwertekommission der SPD an. "Das linke Milieu ist fragmentiert in die kulturelle Linke, die sich bei den Grünen wiederfindet, und die sozioökonomische Linke in Form der Linkspartei." Die Hoffnung, dass sich die SPD diese beiden Spielarten der Sozialdemokratie wieder einverleiben könnte, um so mit der Union gleichzuziehen, hält er für utopisch. Der Hype um Schulz' Nominierung im Frühjahr sei eben das gewesen: ein kurzer Hype, ein "Strohfeuer".

Für kurze Zeit befriedigte Schulz die Sehnsucht nach einem neuen Gesicht in der Berliner Politik, einem Gesicht, in das sich viele Hoffnungen projizierten.

Die SPD ist konkret – aber es hilft nichts

Schulz wirkt bisweilen wie ein Nichtschwimmer, der zwar eifrig mit Armen und Beinen strampelt und sich wundert, dass er trotzdem untergeht. Ratlos: Was wollt ihr denn noch? Ich mache doch wirklich alles, was von mir verlangt wird. Tatsächlich hat Schulz die SPD nicht nur an die Unternehmerlobby herangeführt. Selbst den Gewerkschaften fällt inzwischen nicht mehr viel ein, was sie an der SPD auszusetzen hätten. So forderte der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Reiner Hoffmann, im ZEIT-ONLINE-Interview, die sachgrundlose Befristung abzuschaffen, ein Rückkehrrecht in Vollzeit sowie das Absinken des Rentenniveaus zu stoppen. Das alles findet sich im SPD-Wahlprogramm, einem klassischen sozialdemokratischen Papier, das die Unwägbarkeiten der Globalisierung abfedern will, sich dafür aber nicht in galligen Umverteilungsforderungen erschöpft.

Wurde Schulz zu Beginn des Wahlkampfes vorgeworfen, er sei zu unkonkret, gilt das längst nicht mehr. Wesentlich detaillierter als die Union hat die SPD vorgestellt, wie sie das Renten- und Steuersystem umbauen will. Vieles von dem, was Schulz sagt, ist gefällig im besten Sinne des Wortes. Die SPD hat das Personal und das Programm, das von ihr gefordert wird. Woran also liegt es, dass sie damit nicht durchdringt?