DIE ZEIT: Herr Kohl, heute vor einer Woche starb Ihr Vater. Wie geht es Ihnen? Warum melden Sie sich jetzt zu Wort?

Walter Kohl: Sie erleben mich traurig, aber gefasster. Ich wünsche mir, dass es eine würdige Verabschiedung geben kann.
Ein wichtiger Leitspruch meines Vaters war: 'Die Einheit Deutschlands und die Einheit Europas sind zwei Seiten der gleichen Medaille.' Und genau so sollten die Trauerfeierlichkeiten gestaltet werden, ein Sowohl-als-auch zwischen Europa und Deutschland. Seit einer Woche gibt es darüber Diskussionen, die ich bisher schweigend verfolgt habe. Ich finde die bisherige Entwicklung unwürdig, für meinen Vater, für Deutschland und für Europa.

ZEIT: Was stellen Sie sich vor?

Kohl: Ich möchte als Familienmitglied einen Diskussionsvorschlag unterbreiten, der sowohl die europäische als auch die deutsche Dimension verbindet. Am 1. Juli wird morgens in Straßburg der europäische Trauerakt für meinen Vater stattfinden. Und ich denke, dass danach in Berlin, am Brandenburger Tor, die deutsche Verabschiedung mit drei verbundenen Elementen stattfinden sollte: einem Staatsakt, bei dem sich Deutschland verabschiedet, einem ökumenischen Requiem, das die Konfessionen vereint, und schließlich militärischen Ehren, dem großen Zapfenstreich.

ZEIT: Wie kommen Sie gerade auf Berlin?

Kohl: Berlin ist die Hauptstadt und das Brandenburger Tor steht wie kaum ein anderes Bauwerk für die deutsche Einheit. Ich habe meinen Vater im Dezember 1989 bei der Öffnung des Brandenburger Tores begleitet und weiß, wie wichtig und bewegend dieser Moment für ihn war. Das Brandenburger Tor ist das Symbol unserer Wiedervereinigung. Es ist auch ein Treffpunkt, an dem wir gemeinsam feiern und gemeinsam trauern können. Und das geöffnete Tor steht für eine neue Zeit, eine Zeit, die mein Vater wesentlich mitgestaltet hat.

ZEIT: Was, glauben Sie, würde Ihr Vater von Ihrem Vorschlag halten?

Kohl: Ich bin überzeugt, dass diese Idee bei voller Gesundheit seine Zustimmung gefunden hätte.

ZEIT: Bislang ist für den Nachmittag eine Totenmesse im Dom von Speyer geplant, bevor Ihr Vater auf einem dortigen Friedhof beerdigt werden soll. Bis zum 1. Juli ist nicht mehr viel Zeit und die Vorbereitungen laufen bereits. Womöglich ist es einfach zu spät, jetzt noch etwas zu ändern.

Kohl: Ich würde mich freuen, wenn es noch möglich wäre.

ZEIT: Sie hatten in den vergangenen Tagen mehrfach Kontakt zum offiziellen Protokoll. Haben Sie Ihren Vorschlag dort bereits unterbreitet?

Kohl: Nein. Ich bin in Kontakt mit Mitarbeitern des Protokolls des Bundesinnenministeriums und des Bundestags, die mich nur über Planungen informierten.

ZEIT: Was erhoffen Sie sich?

Kohl: Ich hoffe, dass wenn wir in einigen Jahren zurückblicken, sagen können, dass es eine würdevolle Verabschiedung war – sowohl die europäische Ehrung als auch die Ehrung in Deutschland.

ZEIT: Speyer ist nicht der verkehrte Ort für eine Ehrung Ihres Vaters, aber Berlin wäre der bessere?

Kohl: Mein Vater wird für sein politisches Lebenswerk geehrt und Berlin als Hauptstadt sowie das geöffnete Brandenburger Tor sind Symbole dieses Lebenswerkes.

ZEIT: Nun könnte man vermuten, dass Ihr Vorschlag auch darauf abzielt, ein Begräbnis in Speyer zu verhindern. Weil Sie nicht wollen, dass Ihr Vater dort beerdigt wird, statt im Familiengrab in Ludwigshafen-Friesenheim.

Kohl: Dieser Eindruck ist falsch. Ich muss davon ausgehen, dass mein Vater auf einem Friedhof in Speyer, zu dem keinerlei familiäre Verbindung besteht, bestattet werden wird. Ich halte diese Entscheidung für falsch, zumal ich weiß, wie liebevoll er unser Familiengrab in Ludwigshafen-Friesenheim nach dem Tod unserer Mutter umgestaltete. Er sah dort schon einen Platz für seinen Namen auf dem gemeinsamen Grabstein vor. Mit der Entscheidung für ein Begräbnis in Speyer soll sein politisches Lebenswerk von seiner Frau Hannelore getrennt werden. Meine Mutter hat ihn über Jahrzehnte getragen. Er selbst hat immer betont, dass sein Lebenswerk ohne seine Frau Hannelore nicht möglich gewesen wäre. Deshalb finde ich es richtig, wenn er neben ihr seine letzte Ruhe findet. Für mich ist klar: Hannelore Kohl darf nicht einfach weggekürzt werden. Aber es ist, wie es ist. Ich werde an der privaten Beisetzung in Speyer nicht teilnehmen, auch um jeden Eindruck zu vermeiden, ich würde dies gutheißen. Dennoch liegt mir eine angemessene Würdigung des politischen Lebenswerkes meines Vaters am Herzen.

ZEIT: Wie haben Sie die Geschehnisse der vergangenen Tage wahrgenommen?

Kohl: Die vergangenen Tage waren sehr schwer. Aber gerade in solchen Situationen muss jeder Beteiligte sich fragen: Bist du Teil des Problems – oder bist du Teil der Lösung?