Nach dem Auftauchen eines Videos, das den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann beim Schimpfen über seine eigene Partei Die Grünen zeigt, versucht die Partei, die Wogen zu glätten. Die Aufnahme hatte Zweifel an der demonstrativen Einigkeit der Grünen auf dem Bundesparteitag vom vergangenen Wochenende geweckt.

In dem Mitschnitt regt sich Kretschmann im Gespräch mit einem Bundestagsabgeordneten über den Parteitagsbeschluss auf, ab 2030 nur noch abgasfreie Autos neu zuzulassen. Unter anderem spricht der prominente Politiker von "Schwachsinnsterminen". Dass Kretschmann das konkrete Zieljahr 2030 kritisch sieht, ist bekannt.

Im Gespräch mit dem baden-württembergischen Abgeordneten Matthias Gastel warnt Kretschmann unter anderem, die Grünen müssten mit sechs oder acht Prozent bei der Bundestagswahl zufrieden sein, wenn sie so etwas beschlössen. "Dann jammert nicht rum, und lasst mich in Ruhe, und macht euren Wahlkampf selber." Er als Ministerpräsident mache das nicht.

Grünen-Chef Cem Özdemir sieht dennoch eine große Geschlossenheit der Partei: "Im Ziel der abgasfreien Mobilität besteht große Einigkeit." Man freue sich, dass Kretschmann mit der Partei einen "engagierten Wahlkampf" machen werde. Ein Regierungssprecher in Stuttgart nannte das Video allerdings einen "Lauschangriff" auf ein privates Gespräch, dessen Veröffentlichung unter anderem auf YouTube "sittenwidrig" sei. Man wolle aber nicht juristisch dagegen vorgehen.

Palmer: "Unter vier Augen redet man Tacheles"

Der umstrittene Grünen-Politiker Boris Palmer, Bürgermeister von Tübingen, verurteilte die Veröffentlichung des Videos ebenfalls. Es sei ein Skandal, dass jemand so etwas aufnehme, sagte er. Natürlich rede man unter vier Augen Tacheles und lese sich keine Pressemitteilung vor, sagte Palmer. Alle hätten die Meinung Kretschmanns gekannt. Der Südwest Presse sagte Palmer, inhaltlich finde er die Kritik "nicht aufregend".

Der mutmaßliche Urheber der Aufnahme, Christian Jung, verteidigte sich gegen die Vorwürfe aus Stuttgart: "Die Aufnahmesituation war eindeutig und klar erkennbar", wird er in der rechtskonservativen Wochenzeitung Junge Freiheit zitiert.

Für die Grünen ist der Mitschnitt ärgerlich, weil sie im Wahlkampf um ein geschlossenes Auftreten bemüht sind und Konflikte auf dem Parteitag zum Wahlprogramm größtenteils im Hintergrund ausgeräumt hatten. In Umfragen liegen sie derzeit bei sieben bis acht Prozent, Ziel ist jedoch ein zweistelliges Ergebnis bei der Bundestagswahl am 24. September und der dritte Platz hinter Union und SPD.

Kretschmann ist der beliebteste Grünen-Politiker in Deutschland, der erste grüne Ministerpräsident und einer der wichtigsten Vertreter des pragmatischen Realo-Flügels der Partei. Er koaliert in Baden-Württemberg mit der CDU. Im linken Parteiflügel gibt es immer wieder Kritik an Kretschmanns Politik und seinen Ansichten.