Am 22. Juli 2016 betritt der 18-jährige David S. eine McDonald’s-Filiale nahe dem Münchner Olympia-Einkaufszentrum. Ohne jede Vorwarnung schießt er mit einer Pistole, Modell Glock 17, auf mehrere Gäste. Vor der Tür eröffnet er das Feuer auf mehrere Passanten. Weitere Schüsse fallen im Einkaufzentrum selbst. Neun Menschen zwischen 14 und 45 Jahren sterben. Fünf erleiden Verletzungen. In der Stadt bricht Panik aus, viele, anfangs auch die Polizei, fürchten einen Terroranschlag. Nach mehreren Stunden stellen Polizisten den Täter in einem nahegelegenen Wohnblock. Er tötet sich mit einem Kopfschuss.

Einen Tag zuvor fahren zufällig Polizeiautos durch die Dachauer Straße, an der die Wohnung von Familie S. liegt. David S. nimmt sein Smartphone und filmt die Fahrzeuge von seinem Kinderzimmer aus. Dabei spricht er: "Und hier sehen Sie die schöne Glock, hier sehen Sie dieses Biest, was eure Köpfe ausrotten wird." Die Pistole, von der er spricht, sei eine "Exekutionswaffe, sozusagen, ihr werdet mit dieser Waffe exekutiert".

Mindestens 59 Schüsse gibt S. bei seinem Amoklauf ab. Gekauft hatte der Deutsch-Iraner sie rund zwei Monate zuvor in einem Park im hessischen Marburg. Verkäufer war der heute 32 Jahre alte Philipp K., den S. im Darknet kennengelernt hatte, einem abgeschotteten Teil des Internets. Ab Ende August muss sich K. in München vor Gericht verantworten.

Um Erklärungen für die Tat wird es in dem Verfahren nur am Rande gehen. Für die Justiz ist der Fall David S. erledigt. Der Täter ist tot, deshalb kann es nach deutschem Recht keine Ermittlungen gegen ihn mehr geben. Aber nicht für die Angehörigen der Opfer. Für sie bleibt die Frage: Was geht vor in jemandem, der plötzlich und ungezügelt seinen Hass entlädt, indem er Menschen wie in einem Computerspiel erschießt?

Natürlich gibt es nicht nur eine Erklärung. Und schon gar keine einfache. Doch S. hinterließ, wie die meisten Amokläufer, umfangreiche Bekenntnisse: Manifeste, Nachrichten, Videos. Alle enthalten fremdenfeindliche Äußerungen. S. hetzt gegen Jugendliche türkischer oder balkanischer Herkunft. Auch Rechtfertigungen gibt er immer wieder von sich: Er spricht von Demütigungen in der Schule, von Ablehnung und Ausgrenzung. Die ziellose Gewalttat soll seine Rache sein.

Über 4.000 Euro hatte S. für die Pistole und Munition bezahlt. Zuvor hatte er mit Waffen nichts zu tun. Er übt das Schießen im Keller seiner Eltern. Der ist sehr gut isoliert. In dem Mehrfamilienhaus ist kaum zu hören, wie S. immer wieder auf Zeitungsstapel ballert. Auch bei den Probeschüssen lässt er die Kamera laufen.

"Ich ficke euch, ihr verdammten Deutsch-Türken, ihr Hunde, ihr Nichtsnutze", sagt er. Dann kündigt er seine Tat an: "Ihr habt mein Leben zerstört und diese Glock wird euer Leben auch zerstören, nämlich mit einem Kopfschuss. Hirnstamm, Gehirnareale werden damit getroffen, zerfetzt, bombardiert."

"Was habe ich falsch gemacht?"

Das letzte der neun Todesopfer trifft S. im Inneren des Einkaufszentrums. An einer Rolltreppe feuert er mehrmals auf einen 20-Jährigen. Als der zu Boden gegangen ist, tritt S. an ihn heran und schießt noch einmal in seinen Kopf.

Die Suche nach den Wurzeln dieser Gewalttat reicht weit zurück, vor allem in die Schulzeit von S. Nach den umfangreichen Ermittlungen gilt als gesichert, dass er gemobbt wurde. Täter waren auch, aber nicht nur, Mitschüler mit ausländischen Wurzeln. Die Ermittler finden daher in einer sogenannten operativen Fallanalyse zu einer überraschend einfachen Antwort. S. habe demnach den Hass auf die Mobber auf alle Menschen übertragen, die seiner Meinung nach Ähnlichkeit mit diesen hatten. S., mit frühkindlichem Autismus diagnostiziert, hätten Strategien gefehlt, mit der Frustration umzugehen.

Anders gesagt: S. war das Opfer, das sich mit falschen Mitteln wehrte. Für Angehörige und Überlebende muss diese Schlussfolgerung ein Affront sein.

Karte: Tödliche Schüsse in München

Wo geschah was? Die wichtigsten Orte im Überblick

War der Täter des 22. Juli 2016 wirklich nicht auf ideologischer Mission? Zurück bei den Schießübungen im Keller von Familie S. Die Handykamera läuft weiter. "Ihr habt hier in Deutschland nichts zu suchen, die AfD wird euch alle ausschalten", sagt S. Und weiter: "Ihr seid Kakerlaken, ihr seid hierhergekommen, um die Leute zu verunsichern. Ich verunsichere euch, ihr Hunde!"

Unzweifelhaft ist, dass sich hinter den harten Drohungen ein tief verunsicherter, vom Leben enttäuschter junger Mann verbirgt. Doch seine Gefühle offenbaren, Hilfe annehmen, das konnte oder wollte David S. nicht. Nur selten blitzt in den Hinterlassenschaften die schwache Seite des Amokläufers auf.

Fünf Tage vor der Tat spricht er eine neunminütige Sprachnotiz in sein Handy. "Warum diese Depressionen, jeden Tag, jeden verdammten Tag und das über Monate hinweg, das über Jahre hinweg, immer vertuschen. Den Eltern nichts davon sagen, weil man sonst die Sorgen hat, dass die Eltern traurig werden, sich schlecht fühlen, sich die Schuld zuschieben. Was habe ich falsch gemacht?", fragt er. Und denkt über einen düsteren Ausweg nach: "Warum erschieße ich mich nicht einfach oder springe von der Brücke oder hör einfach mit alles auf?"

S. entschied sich anders. Er verband seinen Selbstmord mit dem, was er für einen Vergeltungsschlag hielt. Es war einer der ganz wenigen Momente seines Lebens, in denen David S. sich stark fühlte.