"Unter dem Pflaster liegt der Strand", sang Ende der 1970er Jahre die Frauengruppe Schneewittchen. Der Ausspruch stammt ursprünglich vom französischen Philosophen Proudhon. Er wurde berühmt während der Mairevolte 1968 in Paris, als ihn Arbeiter und Studenten an die Mauern malten – als Ausdruck ihrer friedlichen revolutionären Gesinnung. Der zehn Jahre später darauf gedichtete Song, schreibt die Komponistin Angi Domdey, sollte ein Lied sein "für die Fantasie und gegen den harten Beton unserer Städte und die Versteinerung unserer Gedanken und Taten".

Heute muss man eher sagen: Unter dem Pflaster liegt die Angst. Am Wochenende haben wir es wieder erlebt. Erst ersticht ein Palästinenser in einem Hamburger Supermarkt einen anderen Kunden und verletzt sechs weitere Menschen schwer. Sofort bricht Panik aus, nicht nur in der unmittelbaren Umgebung. Angst vor einem neuen Angriff von Islamisten. Denn der Täter, berichten Zeugen, hat "Allahu Akbar" gerufen: Gott ist groß. Nicht nur der Gebetsruf frommer Muslime, sondern genauso der Feldruf der Dschihadisten, die auch in unseren Städten Krieg gegen die "Ungläubigen" führen und uns alle treffen wollen.  

30 Stunden später erschießt ein Iraker in Konstanz vor einer Disco einen Türsteher mit einem Sturmgewehr. Als ich die Meldung am Sonntagmorgen im Radio höre, beschleicht auch mich sofort wieder der Schrecken. Schon wieder ein Attentat, nur kurz nach dem an meinem Wohnort Hamburg, wo ich viele Jahre ganz in der Nähe des Tatorts gelebt habe, sieben Monate nach dem verheerenden Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt? Doch die Erleichterung folgt schon im nächsten Satz: Der Täter von Konstanz hat nicht "Allahu Akbar" gerufen, er ist offensichtlich kein Islamist. Die Tat war diesmal wohl "nur" Folge eines Streits in der Disco. Kein Terrorakt.

Aber ist der Unterschied wirklich so groß? Hier wie dort starb ein Mensch durch den Täter: In Hamburg ein 50-jähriger Familienvater, der wie der islamistisch gesinnte Palästinenser zuvor in dem Lebensmittelgeschäft einkaufte. In Konstanz der Türsteher, der den Iraker zunächst aufhielt und so vielen Gästen wahrscheinlich das Leben rettete. Ein Held, wie die Passanten, die sich in Hamburg-Barmbek dem Attentäter in den Weg stellten und damit wohl ebenfalls verhinderten, dass er noch weitere Menschen ermordete.

Den entscheidenden Unterschied machen auf den ersten Blick die zwei Worte Allahu Akbar. Sie stellen im Hamburger Fall die Bluttat eines Einzelnen in den Kontext des weltweiten Terrors, der längst auch Deutschland erfasst hat. Das lässt auch bei mir sofort den inneren Film ablaufen von den Straßencafégästen in Paris, die 2016 von islamistischen Terroristen niedergemäht wurden, vom Musikclub Bataclan, wo gleichzeitig weitere Menschen starben, von Nizza, wo ein Terrorist mit einem Lkw 80 Menschen zu Tode brachte, ähnlich wie sein Nachahmer in Berlin.

Der Terror steckt inzwischen in unseren Köpfen. Auch in meinem. Ein kleiner Auslöser, zwei Worte, ein Attentat irgendwo auf der Welt genügen, um die Zeitbombe in unseren Gedanken scharf zu machen. Also genau das, was die Terroristen mit ihren unkalkulierbaren Taten an jedem beliebigen Ort der Erde bezwecken wollen.

Wir können uns kaum vor dem Terror bewahren, trotz aller Aufrüstungsmaßnahmen der Polizei, die in Hamburg wie in Konstanz schnell am Tatort war, und der Geheimdienste. Zumindest wenn wir unser gewohntes freies Leben weiterführen und uns und unser Denken nicht einmauern wollen, wie es in dem Lied heißt. 

Am Sonntagnachmittag gehen meine Frau und ich mit unserer sechsjährigen Enkelin auf den Hamburger Dom, ein Volksfest, das dreimal im Jahr stattfindet, mit Achterbahnen, Riesenrad, Kinderkarussells und immer absurderen Menschenschleudern. Tausende sind mit uns zusammen unterwegs zwischen den Buden und Fahrgeschäften, man kann sich teilweise kaum noch vorwärts bewegen. Plötzlich schießt mir der Gedanke durch den Kopf: Was, wenn jetzt hier jemand eine Bombe zündet, mitten im Gedränge, im friedlichen, fröhlichen Treiben eines Sommersonnentages, von denen wir im Moment so wenige haben? Wohin sollen wir uns retten? Werde ich mich schützend auf unsere Enkeltochter werfen, wie das Erwachsene auf dem Berliner Weihnachtsmarkt mit ihren Kindern getan haben?

Ich schiebe den gefährlichen Gedanken mit Macht zur Seite. Ich kann niemanden schützen, auch mich selbst nicht. Ich kann mich und meine Familie nur schützen, wenn ich wie wir alle weiter auf die Kirmes gehe, in ein Geschäft, auf ein Konzert, in ein Lokal, zur Arbeit, als gäbe es den Terror nicht und den Schrecken, den er in uns eingenistet hat. Nicht nachgeben, sich nicht einschüchtern lassen. Weitermachen. Unser Leben frei und fröhlich weiterführen: Das ist die einzige, beste Schutzweste, der beste Helm gegen solche Menschen, die uns unsere Freiheit, unser westliches Denken, unser Leben nehmen wollen. 

Die Polizei in Hamburg untersucht jetzt, ob der Attentäter in und vor dem Edeka (auch) psychisch krank ist. Muss man nicht verrückt sein, um so etwas zu tun: in ein Geschäft gehen, einkaufen und dann zwei Worte rufen und sinnlos auf Menschen einstechen? Ist nicht dieser ganze islamistische Terror, bei allem genauen Kalkül der Terrorstrategen, die solche Täter auf die eine oder andere Weise anleiten und sei es durch ihre Hasspropaganda im Internet oder in einzigen Moscheen, völlig verrückt?

Ja, das ist er. Aber wir dürfen uns davon nicht irre machen lassen. Nicht in Hamburg, nicht in Konstanz, nirgendwo.