Vollbeschäftigung, Steuersenkungen, mehr Unterstützung für Familien: Das große Wünsch-dir-was des Wahlkampfs hat begonnen. Alle Parteien werden in den kommenden Monaten für ihr Konzept werben, und dabei haben sie zwar viel Ähnliches, aber durchaus auch Unterschiedliches im Angebot. Doch wie wichtig sind Programme überhaupt für die Wahlentscheidung?

Die meisten Bürger behaupten zwar, ihnen seien Inhalte wichtiger als die jeweiligen Spitzenkandidaten oder das Erscheinungsbild der Partei. Doch das dürfte weitgehend eine Selbsttäuschung sein.

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hat – genau wie sein Vorgänger Peer Steinbrück – das Gerechtigkeitsthema in den Mittelpunkt seines Wahlkampfes gestellt. "Zeit für mehr Gerechtigkeit", lautet das Motto des Programms. Ob das eine kluge Entscheidung war, sei dahingestellt, denn für die Bürger spielen soziale Probleme derzeit eine untergeordnete Rolle.

Nur 26 Prozent der Bürger sehen die Gerechtigkeitsfrage als wichtig an. Auch ökonomische Probleme spielen kaum eine Rolle. Nur 13 Prozent nennen diese wichtig. Deutlich angestiegen ist dagegen der Anteil der Menschen, die die Zahl der Flüchtlinge, deren Integration oder die gestiegene Ausländerfeindlichkeit als große Probleme wahrnehmen.

Doch die Erfahrung früherer Wahlkämpfe zeigt auch: Selbst die richtigen Themen zur richtigen Zeit garantieren noch keinen Wahlerfolg.

2013 war soziale Gerechtigkeit wirklich ein Thema

Vor der letzten Bundestagswahl 2013 hielt fast die Hälfte aller Wahlberechtigten (48 Prozent) Probleme für wichtig, die auf eine soziale Schieflage hindeuteten. Dazu gehörten die Zukunft des Rentensystems, die zunehmende Armut, zu niedrige Löhne, der nicht vorhandene Mindestlohn, Hartz IV oder die zu große finanzielle Belastung der unteren Einkommensgruppen. Weitere 56 Prozent nannten noch andere ökonomische Themen wie die in einigen Regionen noch immer schwierige Lage am Arbeitsmarkt, die Eurokrise, steigende Preise.

Die Annahme, dass die soziale Ungerechtigkeit das zentrale Thema für die Bürger sei, hatte damals also bei Weitem mehr Berechtigung als heute. Doch obwohl sich die SPD für einen pointierten Umverteilungswahlkampf entschied, erzielte sie ihr zweitschlechtestes Wahlergebnis in der Geschichte der Bundesrepublik. Eindeutiger Gewinner der Wahl 2013 war die Union mit Angela Merkel, der man deutlich mehr generelle Kompetenz zutraute als der SPD mit ihrem Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück, den man zudem als nicht sonderlich sympathisch, sondern als arrogant und geldgierig empfand.

Frühere Wahlkämpfe bestätigen ebenfalls die Einschätzung, dass die Übereinstimmung zwischen dem Programm und den von Menschen als wichtig angesehenen Themen keine Garantie für einen Wahlerfolg ist. 1994 beispielsweise wurde die ökonomische Lage, vor allem die Arbeitslosigkeit, von 84 Prozent als größtes Problem eingeschätzt. 28 Prozent fanden zudem die Ausländerfeindlichkeit und zwölf Prozent die Situation auf dem Wohnungsmarkt besonders besorgniserregend. Es hatten also Themen Konjunktur, für die im Allgemeinen der SPD die höhere Problemlösungskompetenz zugestanden wird. Dennoch gewann die Union mit Helmut Kohl die Wahl.