Manchmal hat Angela Merkel schon unverschämtes Glück. In Zingst an der Ostsee lacht an diesem Samstagmorgen die Sonne von einem strahlend blauen Himmel. Und so schaut die Bundeskanzlerin, als sie kurz nach elf Uhr an ihrem Rednerpult unter einem altmodischen weißblauen Holzbaldachin angekommen ist, etwa 3.000 entspannten Menschen ins Gesicht, die schon deswegen gute Laune haben, weil es endlich einmal nicht regnet. Vor der Bühne ist kein Holzstuhl mehr frei, und auch dahinter stehen die Schaulustigen in dichten Reihen.

Merkel hat für diesen Anlass ein zitronengelbes Jackett gewählt. Auch ansonsten gibt sie sich sommerlich entspannt. Es seien ja viele Familien mit Kindern da, sagt sie. Na, sie wisse ja nicht, was die Kinder gesagt hätten, als sie erfuhren, dass sie heute hierher kommen sollten. Vielleicht: "Äh, zu der Merkel bei dem schönen Wetter?" Da hat sie die ersten Lacher schon auf ihrer Seite.

Zingst ist die letzte Station auf Merkels kurzer Sommerreise. Und auch wenn die Mehrheit der Zuhörer nicht von hier ist, ist es doch so eine Art Heimspiel für sie. Schließlich liegt Zingst in ihrem Wahlkreis. Es dauert diesmal deswegen auch etwas länger, bis sie auf der Bühne angekommen ist, so viele Hände muss sie schütteln.

Auch Merkels sozialdemokratischer Herausforderer Martin Schulz ist derzeit auf Sommerreise. Schulz tourt quer durch die Republik, trägt sich in goldene Bücher ein, kickt mit Jugendlichen, oder sucht im Hamburger Schanzenviertel das Gespräch mit den Besitzern von geplünderten Läden. Merkel beschränkt sich auf vier Ferienorte. Bevor sie nach Zingst kam, war sie am Freitag in Neuharlingersiel an der Nordsee und in den Ostseebädern Heiligenhafen und Kühlungsborn gewesen.

Und selbstredend fährt sie – anders als Schulz – nicht mit dem Bus. Sie schwebt mit dem Hubschrauber ein. Eine Stunde ist für jeden Auftritt vorgesehen, dann ist sie wieder weg. Schließlich muss sie auch noch regieren. Dass der Kanzlerin das Gespräch mit den Bürgern wichtiger sei als das mit ihren Beamten in Berlin, wie der Vorsitzende der CDU in Mecklenburg-Vorpommern, Vincent Kokert, ihr bei ihren Auftritten im Osten schmeichelt, davon ist zumindest auf dieser Reise wenig zu merken.

Eine mitreißende Rednerin ist sie auch hier nicht

Wo Merkel hinkommt, gibt es gleichwohl viel freundlichen Applaus. Pfiffe und Buhrufe, wie auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, kommen höchstens noch vereinzelt vor. Für viele ist die Kanzlerin offenbar vor allem ein Star. Selbst die, die ihr nicht sonderlich gewogen sind, möchten sie gerne mal live sehen, wenn sich schon mal die Gelegenheit bietet. Sobald sie zu lauter Rockmusik den Veranstaltungsort betritt, stehen die Leute auf, Kinder werden auf die Schultern gesetzt und Hunderte Handys in die Höhe gestreckt für den besonderen Urlaubsschnappschuss mit der Kanzlerin.

Eine mitreißende Rednerin ist Merkel allerdings auch bei diesen sommerlichen Gelegenheiten nicht. Nicht immer, wenn sie eine lange Pause macht, klatschen die Leute auch. Manchmal muss sie mit einer ermutigenden Geste schon ein wenig nachhelfen.

Aber sie hat eine einprägsame Botschaft mitgebracht, mit der sie diesen Wahlkampf gewinnen will, der zu ihrer vierten Kanzlerschaft führen und sie damit endgültig auf eine Ebene mit Helmut Kohl hieven könnte. Schwarz auf weiß steht diese bei jedem Auftritt auf der Wand hinter ihrem Rücken: "Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben" – das soll Gegenwartsbeschreibung und Zukunftsangebot in einem sein.

Wahlkampfthemen der Konkurrenz werden einfach adaptiert

Alles ist gut, es darf aber gerne noch besser werden – so könnte man den etwas umständlichen Slogan auch übersetzen. Bei der Arbeitslosigkeit zum Beispiel: Mit fünf Millionen Arbeitslosen sei sie einst gestartet, sagt Merkel. Eine Boulevardzeitung habe 2005 geschrieben: "Das sind jetzt Ihre Arbeitslosen, Frau Merkel". Jetzt seien es nur noch halb so viele. "Ich bin aber nicht zufrieden", versichert Merkel ihren Zuhörern. Es sollten natürlich noch weniger werden. Und auch ansonsten fällt ihr noch eine Menge ein, was Deutschland noch lebenswerter machen könnte: zum Beispiel mehr digitale Arbeitsplätze, schnelleres Internet auch an Schulen, mehr Wohnungen oder mehr Geld für Familien.

Komplizierter wird es bei der Steuerpolitik. Dass die SPD anders als die CDU nicht nur mittlere Einkommen entlasten, sondern auch Vermögende stärker belasten will, das leuchtet auch vielen Unionswählern ein, was Merkel durchaus bewusst ist. Sie hat sich deswegen ein sehr sozialdemokratisches Argument zurechtgelegt, warum das Unionskonzept dennoch richtig sein soll. Eine "Spaltung der Gesellschaft" wolle man auf diese Weise verhindern, sagt sie. Zumindest in Zingst funktioniert das gut.

Ohnehin gehört es zu Merkels Stärken, dass sie Themen ihrer Konkurrenten erfolgreich für sich adaptiert. "Soziale Gerechtigkeit", den Kampfbegriff von Schulz, verwendet sie zwar nicht. Dafür spricht sie umso mehr von "sozialer Sicherheit". Die sei so wichtig wie die innere Sicherheit, sagt sie. Den Mindestlohn hat sie ohnehin längst vereinnahmt. Keine Rede vergeht, in der sie dieses einst sozialdemokratische Prestigeprojekt nicht als Erfolg ihrer Regierung verkauft.

Das heikle Thema Flüchtlinge, das sie in den vergangenen zwei Jahren so viel Zustimmung gekostet hat, spricht sie ebenfalls offen an. Doch die Botschaft lautet nun: Wir müssen uns um die Herkunftsländer kümmern, damit die Flüchtlinge künftig möglichst zu Hause bleiben. Da gibt es dann besonders lauten Applaus.

Dass Merkel so entspannt in diesen Wahlkampf gehen kann, war nicht immer ausgemacht. Im Frühjahr, als der SPD-Kandidat Schulz noch frisch und unverbraucht war, schien es, als sei das Land seiner pragmatischen, nüchternen Dauerregentin doch langsam müde. Als sehnte es sich nach so etwas wie Emotionalität oder gar politischen Visionen.

Doch mittlerweile ist das alles vergessen. Die Union kratzt wieder an der 40-Prozent-Marke, die SPD liegt weit abgeschlagen in der Mitte des 20er-Bereichs. Merkel selbst ist dagegen wieder so beliebt wie vor der Flüchtlingskrise.

Für diesen Stimmungswechsel gibt es eine Reihe von Gründen. Sie liegen beim Gegenkandidaten, der die Anfangseuphorie nicht mit konkreten Plänen zu untermauern verstand. Fragt man die Leute in Zingst und Kühlungsborn, liegt es aber auch an der Kanzlerin selbst. Merkel brauche eigentlich kein Programm, findet zum Beispiel der Rentner Uwe Hansen, der mit seiner Frau nach Kühlungsborn gekommen ist. Die CDU-Chefin sei doch selbst in gewisser Weise ein Programm – eines, auf das man sich seit vielen Jahren verlassen könne. Andere nennen ihre Besonnenheit, die Tatsache, dass Merkel sich nicht provozieren lasse. "Merkel vermittelt Sicherheit", findet Annette Lorenz, die mit Mann und Sohn in Zingst unter den Zuhörern steht. Derzeit jedenfalls sieht es so aus, als sei Lorenz mit dieser Meinung nicht allein.