Nach der Freitagnacht, die im Flammenschein brennender Barrikaden im Hamburger Schanzenviertel zeigte, was geschieht, wenn der verhasste "Bullenstaat" sich mal für ein paar Stunden zurückzieht, wollen die führenden Köpfe der Linken nichts mit dem zu tun haben, was da sichtbar wurde. Etwa vier Stunden lang hatte die Hamburger Polizei das Szeneviertel einem linken Mob überlassen. Danach war die Straße vor dem Autonomenzentrum Rote Flora ein scherbenübersätes Trümmerfeld, zwei Läden nebenan waren geplündert und zerstört.

"Das, was in der Schanze stattgefunden hat, war keine Demonstration", sagt die linke Anwältin Gabriele Heinecke. "Das Recht auf Versammlungsfreiheit musste immer erkämpft werden – aber nicht von Straftätern, sondern von Bürgern." Das sei "Anarchie", sagt eine anonyme Genossin im alternativen Medienzentrum der linken Szene, "marodierende Banden" hätten die Macht übernommen. Pardon, findet man denn Anarchie in Teilen der radikalen Linken nicht ganz gut? "Aber doch nicht so."

Andreas Blechschmidt, ein Vorkämpfer der Hamburger Autonomen und Anmelder des umstrittenen Demonstrationszugs "Welcome to hell", erinnert sich nun, dass in der Vergangenheit auch schon "Nazis" an den rituellen Krawallen im Schanzenviertel beteiligt gewesen seien. Wer die Täter diesmal waren, wisse man nicht. Aber "sinnentleerte Gewalt und Militanz um ihrer selbst willen", das habe mit autonomer Politik nun wirklich nichts zu tun. Demnach war es wohl auch purer Zufall, dass die unbekannten Marodeure ausgerechnet in der unmittelbaren Umgebung der Roten Flora zuschlugen: "Die Rote Flora hat nicht das Oberkommando über alle Auseinandersetzungen in Hamburg."

"Warum nicht in Pöseldorf?"

Blechschmidts Mittstreiter Andreas Beuth, Anwalt und Versammlungsleiter der Welcome-to-Hell-Demonstration, beschränkt seine Kritik sogar auf die Wahl des Ortes. "Wir als Autonome und ich als Sprecher der Autonomen haben gewisse Sympathien für solche Aktionen, aber doch nicht im eigenen Viertel wo wir wohnen", sagte Beuth dem NDR. Und fragte:  "Warum nicht irgendwie in Pöseldorf oder Blankenese?" Brennende Autos und geplünderte Geschäfte in wohlhabenden Stadtteilen sind aus seiner Sicht offenbar nicht Ausruck von  "sinnentleerte Gewalt und Militanz um ihrer selbst willen". Aber was sind sie dann?

Man tut den Autonomen kaum unrecht, wenn man ihnen ein mäßig ausgeprägtes Interesse an politischer Philosophie beziehungsweise "Theorie" unterstellt, wie man unter Linken sagt. Wer wahlweise gegen den Kapitalismus oder die "Gesamtkackscheiße" zu Felde zieht – so formulierte der Mann im Lautsprecherwagen der "Welcome to hell"-Demonstration zum Auftakt des G20-Gipfels –, der hält sich mit Feinheiten nicht auf. Aber diejenigen unter ihnen, die lesen, kennen den französischen Autonomenklassiker Der kommende Aufstand. In Stil und Gedankengang verhält sich das Buch zu einer nachvollziehbaren Argumentation wie ein expressionistisches Gemälde zu einer Konstruktionszeichnung. Wenn man es allerdings als Gebrauchsanweisung nutzt, landet man ohne Umwege bei dem, was die Hamburger gerade erlebt haben.

Zu lesen ist darin beispielsweise: "Die Polizei zu belästigen, heißt so zu handeln, dass sie, indem sie überall präsent ist, nirgendwo mehr effizient ist." Passt das nicht ganz gut zu den über das Stadtgebiet verteilten Akten von Vandalismus? "Was die Methode angeht, behalten wir für die Sabotage folgendes Prinzip: ein Minimum an Risiko bei der Aktion, ein Minimum an Zeit, ein Maximum an Schaden" – Autos anstecken; Geschäfte plündern, wenn die Zeit reicht; und weiterziehen. Und was das Resultat betrifft: "Überall, wo Erregung und Unordnung auftauchen, können wir uns über sie nur freuen."

Erstaunlich, dass die Verfechter politisch motivierter Gewalt auf Distanz gehen, nun, da ihre Lehren zur Anwendung kommen. Vielleicht liegt es an einer Schwäche ihrer Theorie: Sie erklärt nicht, was das Ganze soll. Der kommende Aufstand ist ein zutiefst narzisstisches Buch, es stilisiert eine politische Bewegung, die in ihrer Stärke nicht bedeutsamer ist als die Partei Bibeltreuer Christen, zum Helden eines Aufstands, der einer Begründung nicht bedarf.

Demokratie zählt nichts

Es gibt nur uns und den Polizeistaat – so muss man wohl denken, wenn man allen Ernstes die Parole "Ganz Hamburg hasst die Polizei" skandiert. Im autonomen Weltbild ist "Gleichheit" ein zentrales Motiv, aber mit den egalitären Verhältnissen einer Demokratie, in der die Wünsche der einen nicht wichtiger als die der anderen sind, können sie nichts anfangen.

Außer unter taktischen Gesichtspunkten. Als Grundrecht mag die Versammlungsfreiheit den Autonomen egal sein, als Institution finden sie sie nützlich. Eine autonome Demonstration hat wenig mit der "gemeinschaftlichen, auf die Teilhabe an der öffentlichen Meinungsbildung gerichteten Erörterung oder Kundgebung" zu tun, wie das Bundesverfassungsgericht es einmal formulierte. Umso mehr aber mit dem Machoritual des Stierlaufs im spanischen Pamplona. Hier geht es weniger um Missstände als um die Angstlust im Angesicht einer staatlichen Übermacht. Oder, wie einer der Randalierer es in der Krawallnacht im Schanzenviertel formulierte: "Hey Alter, das ist Adrenalin!"

Und natürlich geht es um die Erfahrung von Selbstwirksamkeit: Wie bekomme ich die ungeteilte Aufmerksamkeit von Politik und Öffentlichkeit? Indem ich Barrikaden in Brand setze und Geschäfte plündere!

Selbst geschaffene Wahrheiten

Warum auch nicht? Da für den Autonomen stets alles mit allem zusammenhängt, kann ein Angriff auf die "bestehenden Verhältnisse" nie falsch sein, ob er sich nun gegen eine Polizeiwache richtet, gegen eine Drogeriefiliale oder gegen den Bahnverkehr zwischen Hamburg und dem benachbarten Ahrensburg. "Klar, dass die deutsche Bürgerseele sich darüber aufregt, dass unbeteiligte Pendler zu spät zur Arbeit kommen", höhnt Blechschmidt im ZEIT-Interview.

Nun, womöglich lernen sogar Autonome dazu. "Jedes Ereignis erzeugt Wahrheit, indem es unsere Art verändert, auf der Welt zu sein", heißt es in der pathosgeladenen Sprache des Buchs Der kommende Aufstand. Wer die teils faszinierten, teils fassungslosen Gesichter im Flammenschein der Brände um die Rote Flora gesehen hat, der ahnt, dass nun sogar einige Linksradikale von "Gewalt gegen Sachen" weniger begeistert sein könnten als zuvor.

Andere werden so weitermachen wie gehabt. Was ihnen selbst egal ist, das ist in der autonomen Wirklichkeitsdeutung nämlich nie geschehen, sagt das Buch: "Umgekehrt hat sich eine Feststellung, die uns gleichgültig ist, die uns unverändert lässt, die zu nichts verpflichtet, noch nicht den Namen Wahrheit verdient."