Dies könnte der Summer of hope der Grünen sein: Sieben Wochen vor der Bundestagswahl fragen sich nicht nur die Urlauber an der deutschen Küste, ob der immer wiederkehrende heftige Dauerregen etwas mit dem Klimawandel zu tun hat. Und in den vergangenen Tagen mussten die Besitzer von Dieselautos schmerzhaft erfahren, wie sehr ihre Autos die Luft verpesten. Weil die Konzerne lieber heimliche Absprachen trafen, statt die Entwicklung von Elektroautos so voranzutreiben, dass sie konkurrenzfähig zu Autos mit Diesel- und Benzinmotor sind.

Mehr Klimaschutz, emissionsfreie Autos, das Ende des sogenannten Verbrennungsmotors – all das fordern die Grünen schon lange, es sind Themen, die zur DNA der Partei gehören, geradezu perfekt zu ihr passen. Und trotzdem: Als die Spitzenkandidaten Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir vor ein paar Monaten ankündigten, den Klimaschutz zum Hauptwahlkampfthema zu machen, wurde dies von den meisten Kommentatoren als Einfallslosigkeit gewertet. 

Seit Juni fordern die Grünen in ihrem Wahlprogramm, dass ab dem Jahr 2030 nur noch elektrisch betriebene Autos für den Straßenverkehr zugelassen werden. Nicht nur dem politischen Gegner, auch dem grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann ging das deutlich zu weit: Das seien doch "radikale Sprüche".

Jetzt erst recht?

In den vergangenen Monaten ist die Partei durch eine tiefe Krise gegangen. Auf acht Prozent ist sie in den Umfragen geschrumpft, intern zerstritten. Umso mehr fühlen sich die beiden Spitzenkandidaten jetzt in ihrem Kurs bestätigt: "Die Grünen sind es gewohnt, belächelt zu werden. Aber wir hatten Recht mit unserem hartnäckigen Drängen. Natürlich ziehen wir die beiden Themen im Wahlkampf jetzt nach oben", sagte Katrin Göring-Eckardt.

Doch ein Selbstläufer, das zeigt sich bereits, ist zumindest der Dieselskandal für die Grünen nicht.

Am Montagnachmittag hatte die Fraktion zu einer Art alternativem Diesel-Gipfel in den Bundestag geladen. Zwei Tage vor dem am Mittwoch stattfindenden Diesel-Gipfel der Bundesregierung wollte die Ökopartei ein Zeichen setzen – gemeinsam mit den Verbraucherschutz- und Umweltorganisationen, die beim großen Treffen nicht eingeladen sind.

Nach der etwa zweistündigen Sitzung sprach Özdemir energisch in die Kameras vor dem Saal: Unschuldige Bürger dürften wegen der Abgase nicht um ihre Gesundheit gebracht werden, rief er, außerdem seien Arbeitsplätze in der Automobilindustrie in Gefahr. Der Spitzenkandidat verwies auf das Mobilfunkunternehmen Nokia, das einmal Marktführer war und im heutigen Smartphone-Zeitalter kaum noch beachtet wird. Er wolle das früher so omnipotente deutsche Auto nicht bald im Museum besichtigen müssen, sagte Özdemir. Ergo: Nur die Grünen hätten einen zukunftsfähigen Plan für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Und zuletzt, betonte der Spitzenkandidat, seien die einfachen Verbraucher zu schützen, die sich guten Glaubens ein Dieselauto neuerer Generation kauften, weil es angeblich besonders schadstoffarm sei.

Abgasskandal - "Wir brauchen ganz dringend eine Musterfeststellungsklage" Verbraucherschützerin Jutta Gurkmann erzählt im Video-Interview über die Perspektiven betroffener Diesel-Pkw-Besitzer und Forderungen an die Politik. © Foto: ZEIT ONLINE

Die Grünen haben mit ihrer Diagnose recht, wie so oft. Doch wenn es um die Frage geht, welche konkreten Maßnahmen den Schlamassel jetzt auflösen könnten, da wirken auch sie nicht besonders originell. Wenn die Dieselautos wegen diverser Gerichtsurteile zu Feinstaub-Obergrenzen jetzt umgebaut werden müssten, so dürfe dies nicht auf Kosten der Autofahrer oder Steuerzahler geschehen, sagt Göring-Eckardt. Die Grünen wenden sich also gegen bei SPD und Union angedachte Steueranreize. Sie wollen eine Kommission zur Zukunft der Elektromobilität einrichten, was nicht gerade nach einer schnellen Lösung klingt. Die Grünen kritisieren außerdem die "Kumpanei" der Politik mit den Autobauern und die ihrer Meinung nach zu große Rücksichtnahme auf die Belange der Industrie.

Immer wieder Kretschmann

Allerdings ist der beliebteste Grüne selbst Ministerpräsident eines Autolandes: Winfried Kretschmann regiert das Bundesland, in dem Daimler und Porsche produzieren. Jeder fünfte Arbeitsplatz in Baden-Württemberg hängt nach Angaben des dortigen Wirtschaftsministeriums direkt oder indirekt von der Automobilindustrie ab.

Und es war die grün geführte Landesregierung, die vergangene Woche vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart gegen die deutsche Umwelthilfe verlor. Künftig sollen in der Stuttgarter Innenstadt Fahrverbote für alle Dieselfahrzeuge erlassen werden, wenn die Luft mal wieder besonders schlecht ist. Kretschmanns Leute wollten das eigentlich verhindern.

Man muss das Dilemma der grünen Realpolitik noch einmal betonen: In Stuttgart zogen Umweltschützer letztlich gegen die Partei der Umweltschützer vor Gericht.