Einen Vorwurf hat Martin Schulz längst ausgeräumt: Zu unkonkret ist er schon lange nicht mehr. Seit Wochen hält der Kanzlerkandidat der SPD Grundsatzreden und stellt Papiere vor. Und vieles von dem, was er vorschlägt, ist durchaus populär. Eine Umfrage bescheinigt zum Beispiel, dass zwei Drittel der Deutschen das SPD-Steuerkonzept für sinnvoll halten, genau wie die Gewerkschaften – und einige Steuerexperten.

Ähnlich dürfte es bei vielen Themen sein, die die SPD in ihr Wahlprogramm und den Zehnpunkteplan geschrieben hat, den Schulz am Sonntag vorlegte: Investitionen in Infrastruktur, digitale Bürgerämter, ein individuelles Chancenkonto, Ausbau der Ganztagsbetreuung, mehr Geld für Rentner und Familien. Viel gibt es daran politisch nicht auszusetzen, was auch die eher rituell bemühten Gegenangriffe der Mitbewerber zeigen. Und trotzdem liegt die SPD in Umfragen verlässlich mehr als zehn Prozentpunkte hinter der Union. Warum?

Programmpunkt über Programmpunkt – vielleicht ist es gerade diese Strebsamkeit. Schulz wirkt wie ein Fleißschüler: Er erledigt seine Arbeit gewissenhaft und beteiligt sich rege und mit immer neuen Vorschlägen am Wahlkampfunterricht. Aber zu den Coolen gehört er damit nicht.

Merkel wirkt cool, Schulz strampelt

Das mag nicht fair sein, ist aber Psychologie: Die Kanzlerin wirkt in diesem Wahlkampf so, als müsse sie sich nicht anstrengen. Auf Diskussionen und Interviewfragen lässt sie sich inhaltlich nicht ein, das Volk sieht es ihr nach. Diese Aura der Gelassenheit und Unangreifbarkeit macht es fast unmöglich für Schulz, sie zu stellen. Je mehr er strampelt, desto unentspannter wirkt er.

Ein "Angriff auf die Demokratie" sei diese Strategie der asymmetrischen Demobilisierung, kofferte Schulz auf dem SPD-Parteitag Richtung Kanzleramt. Sein aktuell mantrahaft wiederholter Wahlkampfslogan lautet: "Deutschland kann mehr". Aber viele Deutsche fühlen sich eben weiter gut aufgehoben bei ihrer unaufgeregten Kanzlerin, die bisher noch beinahe jedes SPD-Gewinnerthema abräumte. Sei es die Ehe für alle oder die Rentendiskussion, die sie nonchalant auf die nächste Legislaturperiode vertagt hat.

Legt der SPD-Kandidat nun nach und sagt, er wolle mehr Investitionen in Deutschland, verweist Merkel nur darauf, dass das die große Koalition doch längst angegangen sei, aber das Geld in Planfeststellungsverfahren festhänge. Ein typischer Merkel-Satz: Die Idee hatten wir auch schon, gemeinsam mit der SPD übrigens, sie scheitert an der Bürokratie. SPD-Generalsekretär Hubertus Heil findet, das sei eine "billige Ausrede" der Kanzlerin. Doch seinen mit Fakten gespickten Widerspruch verstehen nur Experten der Materie, in die Fernsehnachrichten schafft er es nicht.

Fehlt Schulz die Kaltschnäuzigkeit?

Wenn die Deutschen nun in ihre Sommerferien aufbrechen, werden sie feststellen, dass die deutsche Kanzlerin international geachtet ist. Selbst Kritiker loben ihre Klugheit. Merkel und Deutschland, das gehört längst zusammen. Schulz ist dagegen nur Experten des europäischen Klein-Kleins bekannt. Auch das fließt in Wahlentscheidungen von Menschen ein. Jeder will auf der Seite der Gewinner sein.

Die Politikwissenschaft hat außerdem gezeigt: In Deutschland werden Kanzler nicht gewählt, sondern höchstens abgewählt. In das kurze Zeitfenster der Merkel-Müdigkeit fiel die Nominierung von Schulz als Kanzlerkandidat. Doch inzwischen begeistert Merkel, wie eine Umfrage der ZEIT zeigt, wieder viele Menschen, selbst Wähler von Grünen und Linkspartei. Einen großen Anteil dürfte ihre stete Präsenz auf der Weltbühne haben: Merkel wirkt auch im Umgang mit Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdoğan unaufgeregt. Selbst wenn das nicht stimmt: Konflikte werden geschickt wegkommuniziert, und wenn der G20-Gipfel kaum Ergebnisse bringt, so lobt sich Merkel eben selbstbewusst damit, dass man die Differenzen auch im Abschlusskommuniqué nicht verschwiegen habe.

Gerhard Schröder hat "es" einfach

Auch der missratene G20-Polizeieinsatz brachte die Kanzlerin nicht aus dem Konzept. Sie nahm die Verantwortung auf sich und sicherte dann noch dem in die Kritik geratenen SPD-Bürgermeister Scholz ihre Unterstützung zu. Als sei sie die Erziehungsberechtigte der Nation, die die Jungs von den Sozialdemokraten vor der Wut der Bevölkerung beschützen müsste.

Und die SPD? War gelähmt, weil Krawallmacher eine SPD-regierte Stadt zerlegten und sie sich um größtmögliche Distanz zu den Linksautonomen bemühen mussten.

Allein Außenminister und Instinkt-Politiker Sigmar Gabriel schaltete auf Angriff: Wer nun den Rücktritt von Scholz fordere, der müsse auch den Rücktritt von Merkel verlangen, schimpfte er. Schließlich habe sie sich den Gipfel-Ort ausgesucht. Und für Sicherheitsprobleme sei auch der Bund verantwortlich. Gabriel zeigte damit eine Chuzpe, die Schulz mitunter fehlt.

Auch dem Vergleich mit großen wie umstrittenen Sozialdemokraten hält er nicht immer Stand: Schulz ist der bessere Redner als Merkel,  er scheut das  Pathos nicht, aber ihm fehlt es dann und wann an Spontanität. Auf dem SPD-Parteitag in Dortmund Ende Juni hielt der Kandidat eine sehr solide Rede und er begeisterte die Genossen aufrichtig. Doch Ex-Kanzler Gerhard Schröder stahl ihm die Show. Und das, obwohl er noch nicht mal versuchte, einen rauschenden Auftritt abzuliefern. Der Angriff auf den politischen Gegner gelang ihm mühelos und spielend ("Die Schwarzen glauben, dass der Staat ihnen gehört"). Fliegend wechselte er zwischen Selbstironie ("Ich habe nicht das ganze Regierungsprogramm gelesen") und Mut-Phrasen ("Es darf keine Selbstzweifel geben, nicht beim Kandidaten, aber auch nicht bei euch!"). Innerhalb weniger Minuten hatte der Mann, der die SPD gespalten hat wie kein anderer, den gesamten Saal auf seiner Seite und die von Niederlagen gebeutelte Partei wieder aufgerichtet. Da waren selbst einige Genossen ganz baff.

Es geht also auch um Persönlichkeit: Merkel liegt in allen Umfragen bei den persönlichen Werten vor Schulz, trotz ihrer spröden Rhetorik. Aber könnte sie einen vom Kaliber Schröder ähnlich kleinhalten?