Was bringt einen Mann dazu, in einen Supermarkt zu gehen, um Toastbrot zu kaufen, dann zurückzukehren, sich ein Küchenmesser aus dem Regal zu schnappen und wahllos andere Kunden und Passanten vor dem Geschäft niederzustechen? Ist das die schreckliche Realität, mit der wir im Deutschland des Jahres 2017 jetzt immerzu, an jedem Ort rechnen und leben müssen? Ich fürchte: Ja.

Noch wissen wir nicht sehr viel über den Täter, der am Samstag in Hamburg-Barmbek einen Menschen ermordet und sechs andere schwer verletzt hat. Er ist Araber, wahrscheinlich Palästinenser, kam aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Er hat in Deutschland einen Asylantrag gestellt, der abgelehnt wurde, und war ausreisepflichtig, laut Hamburger Innensenator auch "ausreisewillig". Nur Ersatzpapiere fehlten noch, dann wäre sein Amoklauf womöglich nicht geschehen. Zumindest nicht in Hamburg. Und: Er war wahrscheinlich Einzeltäter. Wohl kein vom IS direkt angeleiteter, ausgebildeter Terrorist.

Messer statt Lkw

Was aber war sein Motiv? Wir wissen es nicht. Der Mann war den Behörden als Islamist bekannt. Er war in einer entsprechenden Datei verzeichnet. Die Behörden sahen aber, auch nachdem sie ihn angesprochen hatten, keine unmittelbar Gefahr durch ihn. Hinweise auf mögliches Versagen der Sicherheitsorgane gibt es bislang nicht.

Wurde der Mann wie andere solcher Alltagsterroristen im Internet radikalisiert? Besuchte er Moscheen, wo muslimische Hassprediger, wie es sie auch in Hamburg gibt, zu solchen Gewalttaten gegen "Ungläubige" anstacheln? Ermittler, Staatsanwälte und die übrigen Sicherheitsbehörden werden diesen Fragen nachgehen, wie schon nach dem Attentat auf den Berliner Weihnachtsmarkt, das einem ähnlichen Muster folgte. Nur dass der Täter Anis Amri im Dezember einen Lkw benutzte, nicht ein Messer, und dass er mehr Menschen tötete.

Das ist diesmal zum Glück nicht geschehen, so schrecklich dieser Messerangriff war, wie ihn Palästinenser in Israel ständig verüben. Denn mutige Passanten – darunter auch mehrere Araber – haben sich dem Angreifer in den Weg gestellt, als er weitere Menschen abstechen wollte. Mit Stühlen oder was sie sonst greifen konnten. Auch das gehört zur deutschen Realität 2017: Zivilcourage, auch von Migranten, selbst im Angesicht der drohenden Gefahr.

Hamburg im Schock

Hamburg ist kurz nach den G20-Krawallen nun zum zweiten Mal im Schock. Auch ich bin entsetzt. Denn ich lebe in Hamburg, ich habe lange Zeit ganz in der Nähe des Tatorts gewohnt und gelegentlich in eben jenem Supermarkt eingekauft, mit meinen Kindern. Und ich lebe jetzt ebenfalls in einem Multikultiviertel, mit Arabern und vielen muslimischen Immigranten. In aller Regel nette, harmlose Menschen.

Trotz aller Verstörung, die ein solcher Angriff in einem Lebensmittelgeschäft an einem Sommerferientag auslösen muss, und trotz der Angst, die jetzt sicherlich wieder viele ergreift, sollten wir uns vor vorschnellen (Vor-)Urteilen hüten. Auch jetzt. Denn auch wenn es banal klingt, muss man es immer und immer wieder sagen und schreiben: Nur ein Bruchteil der Araber und Muslime sind Islamisten und potenzielle Terroristen. Nur wenige, die in unser Land kommen und sich als Flüchtlinge ausgeben oder es tatsächlich sind, werden zu Gewalttätern – aus welchen Gründen auch immer.

Terroristen wollen Angst verbreiten

Zu Hysterie oder einem geistigen oder tatsächlichen Ausnahmezustand, wie etwa im Nachbarland Frankreich, das schon einer ganzen Reihe ähnlicher und noch weit schlimmerer Terrorangriffe ausgesetzt war, besteht kein Anlass. Terroristen, ob organisiert oder nicht, wollen genau das erreichen.

Unsere Gesellschaft kann das aushalten

Unsere Gesellschaft, unsere Demokratie, unser Staat sind stark genug, um so etwas auszuhalten und damit fertigzuwerden. Deshalb sollten wir jetzt erst einmal um den Toten trauern und an die Verletzten denken – und Ruhe bewahren. Und Politiker sollten uns ersparen, jetzt gleich wieder Wahlkampfmaterial aus der schrecklichen Tat eines Einzelnen gewinnen zu wollen und wie üblich nach schärferen Strafen, weiteren Abwehrmaßnahmen oder Hausarrest für islamistische Gefährder zu rufen.

Denn sie wissen selbst: Das alles hilft wenig. Gegen solche Angriffe aus dem Hinterhalt kann sich keine offene Gesellschaft schützen. Es sei denn, sie wollte am Eingang jedes Supermarkts, jeder Schule, jedes Kindergartens bewaffnete Wachleute stellen. Wie in den USA. Und auch da verhindert das nicht Amokläufe, die dort zum grausigen Alltag gehören. 

Gegen Hasskommentare

Verharmlosen darf man die Bluttat von Hamburg-Barmbek aber auch nicht. Es gilt, wachsam zu bleiben – zum Beispiel gegen islamistische Terrorpropaganda, die nach dem Niederschlagen des "Islamischen Staates" in Syrien und Irak jetzt wahrscheinlich noch zunimmt; gegen Menschen, die dadurch gefährdet sind, zu gefährlichen Tätern zu werden. Das heißt aber nicht, dass wir misstrauisch werden müssen gegen unsere Mitbürger, gegen Araber, Muslime, Flüchtlinge oder Asylbewerber.

Zum Schluss: All ihr fremden-, muslim- und flüchtlingsfeindlichen Internetbewohner, die ihr seit gestern Abend wieder das Netz überschwemmt mit euren dümmlichen Parolen und Hasskommentaren – haltet doch einfach mal für einen Moment still! Nein, ihr habt es nicht immer schon gewusst. Ihr habt auch kein Rezept gegen solche Angriffe. Weil es das Superwunderrezept nicht gibt.